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Foto einer Verunglückten veröffentlicht

Es bestand kein Anlass, den Vater des Mädchens erkennbar zu machen

Zwei Boulevardzeitungen berichten über den tödlichen Unfall eines Mädchens, das mit seinem Vater Urlaub in den Alpen gemacht hatte. Die Dreizehnjährige starb, als sich ein Eisblock löste und sie unter sich begrub. Beide Zeitungen drucken ein Foto der Verunglückten, nennen ihr Alter und ihren Wohnort. Der Vorname des Vaters wird genannt, außerdem sein Alter und sein Beruf. Der Vater des toten Mädchens sieht in der Berichterstattung eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Durch das Foto und die anderen Angaben sei die Familie in ihrer näheren Umgebung klar identifizierbar. Das Foto sei ohne Einwilligung der Familie verwendet worden. Die Zeitungen hätten es aus dem Portal studiVZ illegal entnommen. Die Rechtsabteilung des Verlags, in dem beide Zeitungen erscheinen, beruft sich auf Veröffentlichungen zu diesem tragischen Unfall in vielen Medien. Sie sieht ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit. Dies gelte umso mehr, als die Zeitungen eine die Allgemeinheit interessierende Frage aufgeworfen hätten: War es möglicherweise Leichtsinn, der zu dem tragischen Gesehen geführt hat? Auch die Bild-Veröffentlichungen seien nicht zu beanstanden. Etwas anderes ergebe sich auch nicht aus der Art der Bildbeschaffung. Es sei richtig – so die Rechtsabteilung – dass das Foto aus dem Internetportal „schülerVZ“ stamme. Die später Verunglückte habe das Bild selbst eingestellt und es somit für die Öffentlichkeit freigegeben. In seinem Profil habe das Mädchen auch etliche private Details über sich preisgegeben. Der Zugang zum Foto sei freigegeben gewesen. Von einer illegalen Entnahme könne somit keine Rede sein. (2009)

Nach Ziffer 8 des Pressekodex sind die Persönlichkeitsrechte zu achten. Indem die Zeitungen das Foto des verunglückten Mädchens abdruckten, haben sie gegen diesen Grundsatz verstoßen. Der Beschwerdeausschuss spricht gegen beide Blätter eine nicht-öffentliche Rüge aus. An der Veröffentlichung besteht kein öffentliches Interesse. Genauso wenig war aus Sicht des Beschwerdeausschusses zulässig, die Familie des Mädchens durch die Berichterstattung öffentlich zu machen. Auch wenn es sich um einen Familienausflug handelte, bestand kein Anlass, über den Vater der Getöteten detailliert zu berichten. Die Frage der Entnahme des Fotos aus einem sozialen Netzwerk stellt der Presserat zunächst zurück. Er konzentriert sich aktuell auf die Veröffentlichung des Bildes.