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Satire führt TV-Duell in den USA ad absurdum

Donald Trump und Joe Biden liefern sich Beleidigungen

Eine Regionalzeitung veröffentlicht unter der Rubrik „Vorsicht, Satire“ sogenannte „fünf geheime O-Töne, wie es nach dem Duell weiterging“. Es handelt sich um einen fiktiven Wortwechsel zwischen Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden nach dem TV-Duell, der mit jedem getrunkenen Whiskey drastischer wird. So geht es um einen „krausköpfigen Kenianer, der unser Land zugrunde gerichtet hat“, dem Joe Biden „acht Jahre lang da reingekrochen“ sei, „wo es normalerweise noch finsterer ist, als der ganze Typ sowieso schon von Natur aus ist“. Trumps Frau Melania bezeichnet Biden in dem Dialog als „total frigide, eiskalte, gefühllose Ostblock-Mafia-Schlampe“, Trump bezeichnet Michelle Obama im Gegenzug als „schwarzes Riesenweib“ und „Frau vom Kenianer“. Trump sagt am Schluss: „Wenn die Afros erstmal Oberwasser haben…“, und Joe Biden ergänzt: „…dann rächen die sich für 200 Jahre Dreckfressen.“

Drei Beschwerdeführer sehen insbesondere im Zitat „Ich weiß aus sicherer Quelle, dass du heimlich zu Michelle geschlichen bist, dem schwarzen Riesenweib, der Frau vom Kenianer mit dem Kreuz eines Footballers und dem Bizeps eines Wrestlers“ einen Verstoß gegen Ziffer 12 des Pressekodex. Die Beschreibung von Michelle Obama entspringe nicht gängigem Wissen über ihre Physis und ihr Aussehen, sondern gängigen rassistischen Stereotypen von schwarzen Frauen, ihrer Exotisierung und Entmenschlichung, indem ihnen quasi „tierische“ Kräfte zugeschrieben werden. Zudem ist ein Beschwerdeführer der Meinung, dass das Zitat „Sag mal Joe, was genau hast du nochmal geleistet als Vize bei diesem krausköpfigen Kenianer, der unser Land zugrunde gerichtet hat? Außer dass du ihm acht Jahre lang da reingekrochen bist, wo es normalerweise noch finsterer ist, als der ganze Typ sowieso schon von Natur aus ist?“, einen Verstoß gegen Ziffer 12 des Pressekodex darstellt. Insbesondere die Verbindung von Kot und Hautfarbe werde in rassistischen „Witzen“ häufig genutzt, um schwarzen Menschen einen niedrigen Rang in einer Rassenideologie zuzusprechen. Für Schwarze sei dieser Artikel keine Satire, sondern Teil ihrer Realität. Der Chefredakteur nimmt Stellung. Er wolle nicht verschweigen, dass der Vorwurf des Rassismus und des Sexismus die Redaktion und ihn persönlich hart treffe. Die Zeitung stehe für Respekt und Toleranz. Der fragliche Text sei in einer wöchentlichen Rubrik „Vorsicht, Satire!“ erschienen, die Ereignisse aufspieße, welche in der abgelaufenen Woche Menschen bewegt hätten und sei unter dem Eindruck des Wahlkampf-TV-Duells zwischen Donald Trump und Joe Biden geschrieben worden – das allseits als Tiefpunkt demokratischer Debattenkultur apostrophiert worden sei. Der Redakteur habe den Diskutanten in einer fiktiven Fortsetzung hinter verschlossenen Türen und mit Alkoholbegleitung Aussagen in den Mund gelegt. Satire arbeite mit Übertreibungen und Ironie. Wollte man alles, was in satirischer Absicht gesagt werde, dem Sprecher oder dem Autor anlasten (…), könnte es schlicht keine Satire mehr geben. Die Aussagen, welche die Leser monieren, seien erkennbar nicht die des Autors, sondern sie seien zwei Politikern ‚in den Mund geschoben‘ worden. Die vorliegende Satire sei ausgelöst worden von dem Erschrecken über das unwürdige Wahlkampf-Duell zwischen den beiden Kandidaten und allgemein über die zunehmende Verrohung des gesellschaftlichen, politischen und medialen Diskurses in manchen Bereichen. Die Idee war: Wenn die sich schon vor der Kamera derart anpöbeln, wie pöbeln sie erst, wenn die Kamera aus ist? Man könne – und solle – über Satire streiten. Man könne sie auch missglückt finden. Aber es sei unfair, dem Autor das zu unterstellen, was er anprangere. Was die Aussagen im Einzelnen angehe, so sei darauf verwiesen, dass Trump tatsächlich Barack Obama oft massiv angegriffen habe mit der Behauptung, dieser sei nicht in den USA, sondern in Kenia geboren und dürfe demzufolge eigentlich gar nicht US-Präsident sein. Michelle Obama habe tatsächlich relativ breite Schultern und kräftige Arme. Und dass Donald und Melania Trump ein distanziertes persönliches Verhältnis hätten, sei ebenfalls bekannt. Es sei dem Autor um Aufklärung gegangen – und nicht etwa um die Verbreitung rassistischer und sexistischer Stereotypen. Der Beschwerdeausschuss kommt zu dem Schluss, dass der streitgegenständliche Beitrag klar als Satire erkennbar ist und nicht gegen den in Ziffer 12 des Pressekodex geforderten Diskriminierungsschutz verstößt. Die Beschwerde ist unbegründet. Der Autor greift mit seinem Text den Rassismus und Sexismus auf, mit dem US-Präsident Donald Trump die Öffentlichkeit seit vier Jahren überschüttet, macht ihn sich aber nicht zu eigen. Durch ein gängiges Stilmittel der Satire – die Überspitzung und Übertreibung – wirft der Autor die Frage auf, wie weit die Verrohung des politischen Diskurses bereits fortgeschritten ist und ob sich unter Joe Biden wirklich etwas daran ändern würde. Anlass ist das vorangegangene TV-Duell, das in der Öffentlichkeit scharf wegen Trumps sprachlicher Entgleisungen kritisiert wurde. Diese Entgleisungen führt der Autor in seinem Text nun ad absurdum. Er macht sich also nicht mit den rassistischen und sexistischen Äußerungen gemein, sondern kritisiert sie anhand des satirischen Stilmittels von Überspitzung und Übertreibung. Für Leserinnen und Leser ist von Anfang an klar erkennbar, dass es sich hier um fiktives Gedankenspiel handelt.