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Muslimische Klänge an Heiligabend?

Boulevardzeitung setzt Zitate in einen falschen Zusammenhang

„Muslimische Lieder im Weihnachts-Gottesdienst“ titelt die Online-Ausgabe einer Boulevardzeitung. Der gleiche Text erscheint auch in der gedruckten Zeitung, jedoch mit der Überschrift „Politiker fordern: Christen sollen im Weihnachtsgottesdienst muslimische Lieder singen.“ Dem Bericht zufolge regen Politiker und der Zentralrat der Muslime an, Christen sollten als Zeichen des Friedens und der Verständigung an Heiligabend in den Gottesdiensten auch ein muslimisches Lied singen. Die Zeitung zitiert den Grünenpolitiker Omid Nouripour, der es für ein „tolles Zeichen“ friedlichen Zusammenlebens halten würde, wenn in einer Kirche ein muslimisches und in einer Moschee ein christliches Lied gesungen würde. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime schlägt laut Bericht als „wunderbares Zeichen“ des Friedens und der Anteilnahme das Lied „Heller Mondschein leuchtet“ von Yusuf Islam (Cat Stevens) vor. Mehrere Beschwerdeführer kritisieren die Berichterstattung als bewusst verzerrende und verkürzte Darstellung. Die Zeitung unterstellt, dass es eine konkrete Forderung oder einen konkreten Vorschlag des Grünenpolitikers Nouripour gegeben habe. Einige der Beschwerdeführer verweisen auf Veröffentlichungen, in denen Nouripour dies von sich weise. Der Vorschlag sei ihm, so wie ihn die Zeitung berichte, in den Mund gelegt worden. Die Rechtsvertretung der Zeitung weist den Vorwurf, falsch zitiert zu haben, zurück. Die im Bericht Genannten seien korrekt und vollständig zitiert worden. Die Überschriften der Beiträge seien weder sinnentstellend noch würden sie die Aussagen der Zitierten verfälschen.

Die Zeitung hat gegen Ziffer 2 des Pressekodex (Journalistische Sorgfaltspflicht) verstoßen. Der Beschwerdeausschuss spricht eine Missbilligung aus. Der Presserat geht davon aus, dass das Zitat von Omid Nouripour an sich korrekt wiedergegeben ist und auch die übrigen Zitate für sich gesehen nicht zu beanstanden sind. Sie werden aber in einem falschen Zusammenhang dargestellt. Vor allem die Formulierung „Politiker fordern“ in der Überschrift der Printfassung ist nicht zutreffend und verändert entscheidend den Kontext, in dem die Zitate wiedergegeben werden. Die Zeitung widerspricht nicht der Anmerkung, dass eine ihrer Redakteurinnen im Gespräch mit Nouripour die Idee mit dem islamischen Lied im christlichen Weihnachtsgottesdienst geäußert hat. Davon ist im Artikel nicht die Rede. So wird der falsche Eindruck erweckt, Politiker und Zentralratsvertreter hätten von sich aus den Vorschlag ins Spiel gebracht. In Wirklichkeit hat eine Redakteurin die „Forderung“ formuliert. (1112/14/1)