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Zitat – falsch oder richtig

Einander widersprechende Aussagen machen Sachverhalt unaufklärbar

Ein Magazin berichtet unter der Überschrift „Schutz vor den Abkassierern“ über steigende Kosten in der Krankenversicherung. In dem Artikel wird der Staatssekretär eines Sozialministeriums zitiert. Er soll in einer Verbandstagung der Betriebskassen verkündet haben: „Wir ziehen die Abgaben so an, bis der Bürger quietscht.“ Der Betroffene teilt in einer Beschwerde beim Deutschen Presserat mit, dass dieses Zitat nicht von ihm stamme. Auch sinngemäß habe er eine derartige Aussage nicht gemacht. Zum Beweis legt er das Wortprotokoll der Tagung vor. Die Rechtsabteilung des Verlags bekundet, dass man zwar ein Gegendarstellungsbegehren des Beschwerdeführers abgelehnt, jedoch einen Leserbrief von ihm veröffentlicht habe. Der Autor des Artikels habe an der fraglichen Tagung teilgenommen und die dort gemachten Äußerungen notiert. Dazu gehöre auch die vom Beschwerdeführer kritisierte Aussage. Es möge durchaus zutreffen, dass diese Passage im Tonbandmitschnitt der Veranstaltung nicht enthalten sei. Gleichzeitig sei jedoch nicht erkennbar, wer die Niederschrift des Tonbandmitschnittes angefertigt habe. Auch sei nicht feststellbar, ob tatsächlich alle Äußerungen wörtlich wiedergegeben wurden. Es falle auf, dass der schriftlich niedergelegte Tonbandmitschnitt nicht – wie bei einer wörtlichen Rede typisch – unvollständige Satzteile enthalte. Der Text sei erkennbar für die schriftliche Niederlegung bearbeitet worden. Aus der Erinnerung des Redakteurs sei die kritisierte Passage als Reaktion auf eine Zwischenbemerkung aus dem Publikum gemacht worden. Diese Bemerkung lautete, „ob denn die Belastungsgrenze nicht jetzt schon erreicht oder gar überschritten wäre, so dass man dergleichen gar nicht erst ausprobieren müsse“. Daraufhin habe der Staatssekretär in der zitierten Form mit einer „vielleicht flapsig gemeinten Randbemerkung“ reagiert. Abschließend äußert die Rechtsabteilung die Ansicht, dass man es hier mit der einem Journalisten nicht unbekannten Situation zu tun habe, dass Informanten und Personen, die sich öffentlich äußern, sich zunächst in ihrer Äußerung unkontrolliert verhielten, um dann im Anschluss das Gesagte zu bestreiten. (1998)