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Spekulationen über den Personalabbau einer Sparkasse

Eine Lokalzeitung meldet, dass die Sparkasse ihren Vorstand von sechs auf drei Mitglieder abspecke. Der Personalabbau im Vorstand sei wohl nur der Vorbote weiterer tiefgreifender Veränderungen. Von bisher 900 Mitarbeitern würden künftig nur 100 im Kerngeschäft verbleiben. Vertrieb, Marketing und Buchhaltung sollten als eigenständige GmbHs ausgegliedert werden. Vom Vorstand habe man am Vorabend niemanden mehr zu einer Stellungnahme erreicht. Die Pressestelle der Sparkasse beschwert sich beim Deutschen Presserat. Es sei definitiv falsch, dass Personal abgebaut werde. Zudem habe die Sparkasse erst einen Tag vor der Veröffentlichung um 19.49 Uhr ein Fax mit drei Fragen zu dem Vorgang mit der Bitte um Stellungnahme erhalten. Dieses Vorgehen sei nicht korrekt. Die Geschäftszeiten der Sparkasse seien bekannt und die Redaktion hätte wissen müssen, dass um diese Zeit keine Stellungnahme zu bekommen sei. Die Chefredaktion der Zeitung beruft sich auf zuverlässige Quellen ihrer Veröffentlichung. Der Versuch, eine Stellungnahme des Vorstandes der Sparkasse zu der Information zu erhalten, sei allerdings nicht gelungen. Bei einem solchen Versuch könne man sich nicht an den Kassenstunden des Unternehmens orientieren. Nach der Berichterstattung sei folgendes geschehen: Die drei genannten Vorstandsmitglieder seien entlassen und die erste GmbH sei gegründet worden. Mindestens 59 Mitarbeiter hätten in diese neue Gesellschaft wechseln müssen. (2001)

Der Presserat kritisiert, dass in dem Beitrag Spekulationen zur Tatsache erhoben worden sind. So gab es offensichtlich wohl Hinweise zum Personalabbau in der Sparkasse. Diese wurden jedoch so dargestellt, als würden sie definitiv stattfinden. Es wäre aber notwendig gewesen, den Leserinnen und Lesern klar zu machen, dass es sich hierbei nur um Vermutungen und nicht um sichere Veränderungen handelt. Der Presserat stellt fest, dass die Redaktion unzureichend recherchiert hat. Da sie davon ausgehen konnte, dass um 19.49 Uhr, als das Fax geschickt wurde, kein Mitarbeiter in der Sparkasse mehr zu erreichen war, hatte dieses Fax lediglich Alibifunktion. Es wurde nicht ernsthaft versucht, eine Stellungnahme der Sparkasse zu der angeblich beabsichtigten Umstrukturierung zu erhalten. Die Redaktion hat in beiden Punkten die erforderliche Sorgfalt vermissen lassen und damit gegen Ziffer 2 des Pressekodex verstoßen. Der Presserat spricht daher gegen die Zeitung einen Hinweis aus. (B 147/01)