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Interview

In einer Wahlkampfveranstaltung nimmt der Parteivorsitzende und Bundeswirtschaftsminister zu aktuellen Fragen der Kohle- und Stahlindustrie Stellung. Der Mitarbeitereiner Tageszeitung verfolgt die Rede, begleitet anschließend den Minister zu dessen Wagen, stellt ihm dabei einige Fragen. Das Ergebnis des Gesprächs am Wagenschlag ist ein Text unter dem Titel »Kohle und Stahl, Gefahr für die gesamte Wirtschaft - 3 Fragen an ... « Das Erscheinen des Beitrags stimmt der Autor mit dem Pressesprecher der Partei am Tag vor der Veröffentlichung ab. Über den Inhalt, wie er veröffentlicht werden soll, wird dabei angeblich nicht gesprochen. Nach der Veröffentlichung bestreitet der Minister, dieses Interview gegeben zu haben. Er bestreitet nicht den Wortaustausch am Wagen. Der Journalist erklärt, dass veröffentlicht worden ist, was gefragt und geantwortet wurde. Zum Beweis bietet er handschriftliche Aufzeichnungen und eine Tonbandaufnahme an, die einen Teil des Interviews belegen kann. (1987)

Der Deutsche Presserat sieht nach gründlicher Beratung von einer Qualifizierung der Darstellungen über den Ablauf der Begegnung zwischen dem Parteivorsitzenden und dem Journalisten ab. Fest steht, dass es nach der öffentlichen Rede des Politikers ein Gespräch mit dem Redakteur gegeben hat. Die Darstellungen beider Seiten über den Inhalt des Gesprächs bleiben aber widersprüchlich. Der Presserat verfügt nicht über Erkenntnismöglichkeiten, die Gerichten oder parlamentarischen Untersuchungsausschüssen für die Tatsachenfeststellung zur Verfügung stehen. Er ist erstaunt, dass der Minister ein Angebot der Redaktion der Zeitung nicht angenommen hat, unmittelbar nach der umstrittenen Veröffentlichung seine Position zu präzisieren und gegebenenfalls zu erläutern. Nach Überzeugung des Presserats kann auch die betroffene Partei nicht aus der Verantwortung für die Risiken eines journalistisch-politischen Routineablaufes entlassen werden. Die Mitglieder des Presserats sind sich einig, dass es keiner gesonderten Regelung für die Durchführung von Interviews bedarf, sondern dass beim Abdruck von Interviews der Pressekodex zu gelten hat. Ein Interview muss dann als journalistisch korrekt angesehen werden, wenn der Betroffene die endgültige Fassung autorisiert hat. In den Fällen, in denen aus der aktuellen Arbeit heraus eine Autorisierung nicht möglich ist, muss es für den Gesprächspartner offensichtlich sein, dass seine Äußerungen in Interviewform verwendet werden sollen. (B 18/87)