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Vorverurteilung

Überschrift stellt Verdacht als Tatsache dar

Die Schlagzeile der Boulevardzeitung ist fünfspaltig: „Der Hausmeister, der ein Sex-Gangster ist“. Konkreter wird die Unterzeile: „Er belästigte junge Frauen. Auf seinem Computer liefen Nazi-Spiele“. Berichtet wird über den Haustechniker eines Justizzentrums, der unter dem Verdacht der sexuellen Nötigung steht. Er soll nachts zwei junge Frauen belästigt haben. Er sei kein unbeschriebenes Blatt, schreibt die Zeitung. So soll er bei einem Betriebsausflug alkoholisiert Kolleginnen begrapscht haben. Auch von einer Vorstrafe ist die Rede. Vor zwei Jahren habe er nach einer Feier im Justizpalast auf der Straße das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen. Deswegen sei er zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Weil er kein Beamter sei, habe ihn die Behörde bislang nicht suspendieren können. Die Autoren des Beitrages haben sich auch am Arbeitsplatz des Betroffenen umgesehen. Sie entdecken ein schweres Wehrabzeichen und im PC des Haustechnikers eine Simulation des verbotenen Nazi-Computerspiels „Escape from Wolfenstein“. Die Zeitung nennt den Vornamen und das Initial des Mannes, sein Alter und die Stadt, in der er wohnt. Der Betroffene beschwert sich beim Deutschen Presserat. Die Behauptungen der Zeitung seien falsch. Er habe weder begrapscht noch das Horst-Wessel-Lied gesungen. Zudem befinde sich kein Wehrabzeichen in seinem Büro und auch kein Nazi-Spiel auf seinem PC. Die Rechtsabteilung des Verlages weist darauf hin, die Redaktion habe sich von dem Inhalt der Äußerung, die im übrigen von einem Sprecher der Staatsanwaltschaft stamme, durch die Formulierung „soll... begrapscht haben“ distanziert. 1998 sei der Beschwerdeführer wegen der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen verurteilt worden. Laut Anklage sollen damals u.a. auch Nazi-Lieder, insbesondere das Horst-Wessel-Lied, gesungen worden sein. Es stimme auch, dass man an seinem Arbeitsplatz das Abzeichen einer Reservisten-Kameradschaft in Form eines Briefbeschwerers entdeckt habe. Und als Bildschirmschoner nutze der Mann die Simulation eines sog. „Doom-Spiels“, zu dem auch „Escape from Wolfenstein“ gehöre. (2000)