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Religiöses Empfinden

Unter der Überschrift »Gourmands und Gourmets« berichtet eine Tageszeitung über die Geschichte des Kannibalismus. Unter Verwendung von Bibelzitaten und Bezugnahme auf das Osterfest in Wort und Bild wird über unterschiedlich praktizierte »Menschenessen« berichtet (»Gut abgehangen am Kreuz ist er allgegenwärtig«). Ein Bischöfliches Ordinariat sieht in der Kombination des Berichts mit Christus, christlichen Symbolen und Riten sowie mit Bibelzitaten eine Verhöhnung sowohl der Kirche als auch einzelner Menschen, die den christlichen Glauben ausüben. Der Autor entgegnet, er habe eine Beleidigung von Kirche und Personen nicht beabsichtigt. »Rätsel des Glaubens« ließen sich nicht auf der Ebene des guten Geschmacks diskutieren. (1987)

Infolge langandauernder staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen kann der Deutsche Presserat das Verfahren erst 1991 abschließen. Die Abhandlung über Menschenopfer und Kannibalismus, der das Zitat der Einsetzungsworte des Abendmahls vorangestellt ist, greift nach seiner Ansicht den christlichen Glauben an. Die Verbindung des Kreuztodes Jesu mit Kannibalismus ist nicht nur ein Verstoß gegen den guten Geschmack, sondern verletzt durch die Umkehrung der Glaubensaussage ins Gegenteil das religiöse Empfinden der Christen. Der Presserat hält diesen Verstoß gegen Ziffer 10 des Pressekodex für so gravierend, dass er der Zeitung eine öffentliche Rüge erteilt. (B28/87)