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Ermittlungsverfahren

Zwei Zeitungen berichten über ein Ermittlungsverfahren gegen den Leiter der Unfallchirurgie eines Krankenhauses, dem mehrfach ärztliche Kunstfehler mit Todesfolge in zwei Fällen vorgeworfen werden. Dabei wird erwähnt, dass der Betroffene als Oberarzt in derselben chirurgischen Abteilung früher einmal wegen Trunkenheit im Operationssaal vom Dienst suspendiert worden sei, inzwischen aber wieder operieren dürfe. Die Schlagzeile in der Boulevardzeitung: »In anonymer Anzeige zwei Todesfälle und 14 Kunstfehler angeprangert - Oberarzt (50) operierte blau«. Überschrift in der Tageszeitung: »2 Tote, weil Alkoholiker wieder operieren durfte«. Die Artikel basieren auf dem Bericht eines Informationsbüros. Der erwähnte Arzt, dem in früheren Jahren einmal wegen Alkoholmissbrauchs das Operieren untersagt worden war, hat aber mit dem Ermittlungsverfahren gegen den Abteilungsleiter nichts zu tun. Dennoch wird ihm bei voller Namensnennung unterstellt, für die zwei Todesfälle und 14 Kunstfehler verantwortlich zu sein. Die Tageszeitung veröffentlicht dazu später eine Richtigstellung. Der Arzt erwirkt im Klagewege gegen beide Zeitungen die Zahlung eines Schmerzensgeldes. (1988)

Der Deutsche Presserat stellt fest, dass die Boulevardzeitung mit ihrer Überschrift gegen das Sorgfaltsgebot (Ziffer 2 Pressekodex) verstoßen hat, und spricht eine nicht-öffentliche Rüge aus. Während der Sachverhalt im Artikel selbst richtig wiedergegeben wird, vermischt die Redaktion in der Überschrift durch die Kombination von Dach- und Schlagzeile einen früheren Sachverhalt mit dem jetzigen Fall und erweckt damit den Eindruck, als habe der Beschwerdeführer etwas mit den Kunstfehlern und den Todesfällen zu tun. Da der Betroffene durch die Beschreibung seines Umfeldes zu identifizieren war, hatte die Falschdarstellung für ihn eine besonders schädliche Wirkung. Der Presserat beanstandet in diesem Zusammenhang, dass die Zeitung nichts unternommen hat, nach Bekannt werden der falschen Verquickung von Tatbeständen ihre Veröffentlichung Richtigzustellen. Auch die Tageszeitung hat bei Bearbeitung des Agenturtextes zwei Sachverhalte miteinander vermischt. Der Bericht der Agentur hätte nachrecherchiert werden müssen, weil gegen den Beschwerdeführer bei voller Namensnennung ein gravierender Vorwurf erhoben wird. Obwohl auch in diesem Falle eine Rüge angebracht wäre, verzichtet der Presserat auf diese Maßnahme, da die Zeitung freiwillig eine Richtigstellung veröffentlicht hat. Er erkennt die Richtigstellung als Wiedergutmachung im Sinne der Beschwerdeordnung an. (B 32/89)