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Satire

Erdbebenbericht verletzt religiöses Empfinden der Moslems

„Bislang dachten wir immer, Christen sind die klügsten Menschen der Welt, jetzt stellt sich heraus, es sind Muslime“, stellt eine Tageszeitung fest. Unter der Überschrift „Mullahs immer klüger“ berichtet sie, dass im indischen Unionsstaat Gujarat die Muslime das Fernsehen für ein verheerendes Erdbeben, das sich zweieinhalb Wochen zuvor ereignet hat, verantwortlich machen. Hunderte Fernsehgeräte seien daraufhin von Hausdächern geworfen oder mit Eisenstangen zerstört worden. Allein in der Stadt Surat seien rund 400 Geräte zerschlagen worden. Dort habe ein islamischer Kleriker erklärt, das Fernsehen habe die Gedanken der Menschen vergiftet und Allah erzürnt, und dies sei die Ursache für das Beben. Die Zeitung folgert daraus: „Während wir im gedankenfaulen Europa die geistigen Auswirkungen von ‚Arte‘, dem ‚ARD-Presseclub‘ und dem ‚ZDF-Nachtstudio‘ völlig unterschätzen, weiß der kluge Mullah längst: Allah ist groß, Allah ist mächtig, er hat einen Arsch von drei Meter sechzig.“ Die Veröffentlichung löst drei Beschwerden beim Deutschen Presserat aus. Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland sieht darin eine Verunglimpfung der Muslime und eine Verletzung der religiösen Gefühle aller Moslems. Der Beitrag verspotte und beleidige Allah. Der Webmaster Muslim-Markt sieht in dem Text einen Angriff auf den muslimischen Glauben. Solche Äußerungen seien dazu angebracht, den Frieden zu stören. Die Koordinierungsräte der Türkischen Vereine in Deutschland erklären, dass durch die Veröffentlichung nicht nur alle Moslems, sondern alle Menschen beleidigt und diffamiert werden, die an Gott glauben. Dieser Artikel sei der gravierendste Verstoß gegen den Pressekodex, der aus muslimischer Sicht vorstellbar sei. Die Chefredaktion der Zeitung teilt in ihrer Stellungnahme mit, dass die kritisierte Passage ein Kinderreim sei und in mehreren Formen existiere. Diese Versionen stünden in der Tradition der Pfarrerverse, die ihren Witz daraus beziehen, dass religiöse Figuren mit unerwarteten, meist sexuellen Motiven konfrontiert würden. Solche Scherzreime hätten eine Art Blitzableiterfunktion, indem sie die Macht der Religion unterlaufen und ihre Zwanghaftigkeit ins Lächerliche kippen ließen. Der im Kontext des Erdbebentextes veröffentlichte Vers solle demonstrieren, dass, wenn jemand derart infantile Reaktionen auf eine Naturkatastrophe zeige, man mit Hilfe kindisch alberner Komik die Auswirkungen dieses religiösen Handelns entlarven müsse. Damit Komik entlarvend wirke, müssten Regeln verletzt werden. Vor allem die Regeln, die angeblich von einer höheren Macht aufgestellt worden seien und in deren Auftrag religiöse Führer anderen Menschen etwas wegnehmen oder verbieten wollten. (2001)

Der Presserat erklärt die Beschwerde für begründet und spricht gegen die Zeitung einen Hinweis aus. Dabei bezieht er sich auf Ziffer 10 des Pressekodex, in der es u.a. heißt, dass Veröffentlichungen, die das religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, mit der Verantwortung der Presse nicht vereinbar sind. Das Gremium kritisiert die in dem Beitrag enthaltene Passage „Allah ist groß, Allah ist mächtig, er hat einen Arsch von drei Meter sechzig“. Die Absicht der Redaktion, in satirischer Form Kritik an denjenigen zu üben, die das Fernsehen für Erdbeben verantwortlich machen, ist durchaus verständlich. Diese Kritik geht jedoch viel weiter als beabsichtigt und verletzt das religiöse Empfinden der Moslems. (B 36/37/38/01)

(Siehe auch „Bild des Propheten Mohammed“ B 192/01)