Entscheidungen finden

Wetterprognosen

Ein Boulevardzeitung berichtet über die präzisen Prognosen eines Wetterforschers: »Das wird der schlimmste Winter«. Den Professor überfällt ungläubiges Erstaunen, ja Entsetzen, als er die Zeitung zu Gesicht bekommt. Von dem, was ihm die Redaktion in den Mund legt, hat er kein Wort gesagt. Telefonisch habe ihn ein Mitarbeiter der Zeitung befragt. Er habe einige Bauernregeln zitiert. Außerdem habe man über die Wetterstatistik gesprochen. So habe er dem Journalisten erklärt, dass es in diesem Jahrhundert alle 7,7 Jahre einen strengen Winter gegeben habe. Nach 1962/63, 1969/70, 1978/79 und zuletzt 1986/87 könnte bei dem Abstand von sieben bis neun Jahren einer der drei nächsten, wahrscheinlich der Winter 1994/95 an der Reihe sein. Von Schnee und Schneesturm, von Verwehungen, schulfrei, gesperrten Straßen, eingeschneiten Zügen und Dörfern, wie in der Zeitung zu lesen, sei nie die Rede gewesen. Die Wendung »Klirre Nächte« gehöre gar nicht zu seinem Sprachschatz, bekundet der Meteorologe. Der Bericht, der den »schlimmsten Winter« vorhersagt, sei »zusammengezaubert«. Man habe sich vom örtlichen Wetterdienst den Ablauf der bisherigen strengen Winter schildern lassen, daraus eine eigene Wetterprognose gemacht und dann dieses Elaborat mit seinem Namen wissenschaftlich verbrämt. Die Redaktion der Zeitung räumt ein, Auskünfte des Instituts ohne weitere Nachfrage als Prognose veröffentlicht zu haben. (1993)

Der Presserat quittiert den Fall mit einer Rüge. Für ihn besteht kein Zweifel, dass die Redaktion mit der Veröffentlichung erfundener Zitate gegen das Gebot verstoßen hat, Nachrichten mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen (Ziffer 2 des Pressekodex). (B 6/94)