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Familienangehörige eines Straftäters

Eine Boulevardzeitung berichtet über die familiären und häuslichen Verhältnisse eines namentlich genannten Täters, der bei einem Überfall auf ein Paketpostamt erschossen worden ist. Laut Zeitung gehen auf sein Konto vier Raubüberfälle mit einer Beute von 4 (unauffindbaren) Millionen. Der Autor beschreibt den Wohn- und Arbeitsbereich des Getöteten und nennt das Alter von Ehefrau und Sohn, die denselben Namen wie der Täter tragen. Eine Leserin des Blattes kritisiert in einer Beschwerde beim Deutschen Presserat die vollständige Namensnennung des Getöteten und seine Vorverurteilung. Durch die Veröffentlichung bestehe auch für die Ehefrau des Opfers und seinen zweijährigen Sohn kein Namensschutz mehr. Die Rechtsabteilung der Zeitung hält die Nennung des Täters für zulässig. Straftaten würden immer Unruhe in die Familie eines Täters bringen. Daraus könne man nicht die Pflicht ableiten, eine Tat so anonym darzustellen, dass das Umfeld des Täters nichterkennbar sei. Hintergrund der Berichterstattung sei eine vorausgegangene Veröffentlichung über die Mitteilung der Polizei, dass sie drei weitere Straftaten als aufgeklärt betrachte. (1995)

Der Presserat erklärt die Beschwerde für begründet und spricht gegen die Zeitung eine nicht-öffentliche Rüge aus. Nach Überzeugung des Gremiums hat sie mit der Veröffentlichung des Beitrags unter der Überschrift »Das Doppelleben der Posträuber- Einer las abends mit Familie in der Bibel« gegen die Ziffer 8 des Pressekodex verstoßen. Durch die Nennung des Namens, die geographische Einengung des Wohnorts und die Schilderung der näheren Lebensumstände ist die Identifizierung der Familie des Täters für einen größeren Personenkreis möglich. Mit der Veröffentlichung missachtete die Zeitung somit den Schutz des Persönlichkeitsrechts von Familienangehörigen. In Richtlinie 8.1 heißt es: »Bei Familienangehörigen, die mit der Tat nichts zu tun haben, tritt das Informationsinteresse der Öffentlichkeit grundsätzlich hinter das schutzwürdige Interesse dieser Personen an der Achtung ihres Persönlichkeitsrechts zurück.« (B 67/95)