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Vorverurteilung

Die Polizei fahndet nach einem Mann, der im Schutz einer Maske drei Frauen vergewaltigt haben soll. Der Mann wird gefasst. Doch der Haftrichter entlässt den Verdächtigen wieder. Daraufhin flieht dieser nach Brasilien. Als er dort wiederum festgenommen wird, unternimmt er einen Selbstmordversuch. Schließlich wird der sogen. »Maskenmann« ausgeliefert. Zwei Lokalzeitungen und ein Boulevardblatt berichten in diversen Beiträgen über alle diese Vorgänge. Dabei stellten sie den Verdächtigen mit Bild und vollem Namen dar. Die Mutter des mutmaßlichen Täters beanstandet in einer Beschwerde beim Deutschen Presserat, dass in der Berichterstattung stets der volle Name genannt und dass von der Polizei für Fahndungszwecke der Presse überlassene Fotos veröffentlicht worden sei, auch als kein Fahndungsinteresse mehr bestand. Schließlich beklagt die Beschwerdeführerin die vorverurteilende Darstellung des Falles. Die Boulevardzeitung betrachtet den »Maskenmann« als eine relative Person der Zeitgeschichte. Vor dem Hintergrund der Flucht nach Südamerika sei es der Redaktion als durchaus gerechtfertigt erschienen, die Fotografien zu veröffentlichen, »zumal auch das Äußere des Herrn..., der den Eindruck eines wohlerzogenen, braven jungen Mannes mache, in einem starken Kontrast zu den ihm zur Last gelegten Tagen steht«. Auch die beiden Lokalzeitungen berufen sich darauf, dass sie den Betroffenen als Person der Zeitgeschichte sehen. (1993)