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Ungereimtheiten

Kritik an der Lebensbeichte eines angeblichen KZ-Mörders

Ein Nachrichtenmagazin berichtet unter der Überschrift „Der Nazi und die frisierte Wahrheit“ über eine Fernsehreportage, die einem SS-Mann nachspürt, der als Jude getarnt in Caracas gelebt haben soll. Der Beitrag ist kritisch und stellt die Frage, ob der unglaubliche Stoff, aus dem der bekannte „Investigativ-Journalist“ einen Film machte, auf einem Phantasiegebäude fußt. Der angebliche KZ-Mörder, dem der „Recherche-Profi“ nach eigener Aussage zwei Jahre lang hinterher ermittelt habe, sei ganz offensichtlich ein Phantast und Lügenbold gewesen. Dessen Leben, auf Tonband gesprochen und auch schriftlich in Kurzform zu Protokoll gegeben, scheine so eindringlich, dass sich der Filmemacher von der unglaublichen Geschichte habe blenden lassen. Der Autor der Fernsehreportage wendet sich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat. Er fühle sich in seiner Ehre verletzt, wenn die Zeitschrift ihm mangelnde Sorgfalt unterstelle. Er wirft seinerseits dem Magazin mangelnde Sorgfalt bei der Abfassung des Artikels vor. Es selbst habe nicht ausreichend recherchiert, insbesondere auf das Abhören des Protokollbandes der Vernehmung des SS-Mannes verzichtet. Die Chefredaktion der Zeitschrift betont, für die Beurteilung des Falles sei es unerlässlich, sich den Film des Beschwerdeführers anzusehen. Dieser Film mache sich die so genannte „Lebensbeichte“ des angeblichen KZ-Mörders in vollem Umfang zu eigen. Er identifiziere sich völlig mit der Geschichte, insbesondere der angeblichen Erschießung von Insassen des KZ Treblinka. An keiner Stelle erfahre der Zuschauer, dass es massive Widersprüche und Ungereimtheiten gebe, die jedenfalls diesen Teil des Geständnisses äußerst zweifelhaft erschienen ließen. Der kritisierte Artikel nenne eine ganze Reihe von Fakten, denen der Beschwerdeführer nicht widerspreche. So zum Beispiel die fragwürdigen Aussagen des angeblichen SS-Mannes zu dem Aufstand in Treblinka. Die hier auftretenden Ungereimtheiten erkläre der Beschwerdeführer mit einer angeblichen Gedächtnisschwäche des Betroffenen. Ein zweiter Punkt sei die Tatsache, dass der angebliche Zeitzeuge nach Aktenlage 1943/44 in Hamburg gelebt habe und deshalb nicht in Treblinka gewesen sein könne. Eine Recherche des Magazins habe ergeben, dass der Mann zwischen Februar 1943 und November 1944 in Hamburg dreimal umgezogen sei. Dieser ständige Wohnungswechsel setze zwingend voraus, dass er in Hamburg persönlich anwesend gewesen sei. Insgesamt lasse sich anhand mehrere Fakten die feste Überzeugung gewinnen, dass der Betroffene nie in Treblinka war. Dies unterstütze auch die unbestrittene Tatsache, dass keine einzige mit Treblinka befasste Quelle ihn nenne. Die von dem Filmemacher beanstandeten Formulierungen wie „Er ließ sich von der unglaublichen Geschichte blenden“, „Wo Fakten nicht recht passten, erging sich der Autor in Vermutungen“ und „Er unterließ es, das vorhandene einschlägige Quellenmaterial zu sichten“ seien eine sachbezogene, gerechtfertigte Kritik an der unkritisch einseitigen Darstellung in dem Fernsehfilm. Vermutungen würden die falschen inhaltlichen und zeitlichen Angaben des angeblichen SS-Mannes überdecken. Das Magazin habe nicht gegen die Sorgfaltspflicht verstoßen, als es abgelehnt habe, die Tonbänder insgesamt zu hören. Auch der Beschwerdeführer könne nicht darlegen, wie die geschilderten Fakten dadurch hätten widerlegt werden sollen. (2001)

Der Presserat diskutiert die Veröffentlichung, prüft, ob sie gegen die Ziffern 2 und 9 des Pressekodex verstößt, und stellt schließlich fest, dass ihm eine Bewertung der tatsächlichen historischen Geschehnisse nicht möglich ist. Er stellt fest, dass das Magazin die bei seiner Recherche gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und bewertet hat. Das Gremium akzeptiert diese Bewertungen, zu denen auch die Aussagen über die Person des Beschwerdeführers zu zählen sind, sieht sich aber nicht in der Lage, ihre Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit zu beurteilen, da auch er letztendlich die historische Wahrheit nicht herausfinden kann. Aus diesem Grunde hält er die Beschwerde für nicht entscheidbar. (B 87/01)