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Statt Satire ein Spiel mit Gefühlen

Zeitschrift macht sich über Robert Enke und die Lokführer lustig

Die Online-Ausgabe einer Satire-Zeitschrift veröffentlicht mehrere Fotos und Cartoons, die sich mit dem Tod des Bundesligafußballers Robert Enke beschäftigen. Der an Depressionen leidende Torwart von Hannover 96 hatte sich vor einen Zug geworfen. Auf einem Cartoon ist ein ICE-Zug mit aufgemaltem lächelndem Gesicht zu sehen. Dazu ist der folgende Text gestellt: „Die Bahn reagiert: Sofortprogramm gegen Depressionen“. Auf einem Foto ist der Fernsehschaffende Mario Barth zu sehen. Das Bild ist unter der Überschrift „Trendsport Suizid“ mit dem Text versehen: „Wann springt er auf den Zug auf?“. Auf der dritten Illustration ist ein Zugführer mit schwarzem Augenbalken zu sehen. Dazu ist dieser Text gestellt: „Jetzt meldet sich der Zugführer zu Wort: ´Ich habe Enke überlistet´“. Zwei Tage später bringt die Online-Ausgabe der Zeitschrift die folgende „Richtigstellung“. Die Redaktion schreibt: „Die Redaktion (…) bedauert aufrichtig die unentschuldbare Entgleisung im jüngsten Startcartoon, möchte aber darauf hinweisen, dass eine Entgleisung das einzige gewesen wäre, was Robert Enke noch hätte helfen können.“ Alle Cartoons sind weiterhin abrufbar. Der Beschwerdeführer – ein Nutzer des Internetauftritts – sieht die Menschenwürde und den Respekt vor dem toten Robert Enke mit Füßen getreten. Auch Satire habe Grenzen. Diese würden in diesem Fall deutlich überschritten. Die Veröffentlichung sei eine Schande. Die Redaktion der Zeitschrift nimmt zu dem Vorgang nicht Stellung. (2009)

Dem Presserat liegen immer wieder Beschwerden über satirische Darstellungen vor. Dabei vertritt er grundsätzlich die Meinung, dass auch scharfe und polemische Satire zulässig ist. Aufgabe von Satire ist es immer, durch Überspitzung und drastische Darstellung weiterführende Gedanken anzustoßen. Um einen bloßen Witz zu Satire werden zulassen, bedarf es eines Kerns kritischer Reflexion. Ein solcher ist in diesem Fall nicht zu erkennen. Der Beschwerdeausschuss wertet deshalb die Abbildungen nicht als Satire. Die Cartoons, insbesondere der mit dem Lokführer, verstoßen gegen Ziffer 1 des Pressekodex (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde). Die Redaktion macht sich lustig über den verstorbenen Sportler und über die Lokführer, für die ein Suizid hochgradig traumatisierend wirken kann. Das reine Spiel mit den Gefühlen der Angehörigen Enkes und der Lokführer ist in den Augen der Mitglieder des Beschwerdeausschusses keine Satire. Der Ausschuss spricht eine öffentliche Rüge aus. (BK1-451/09)