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Foto der Eltern eines toten Babys

15-jährige Schülerin unter dem Vorwurf der Kindestötung

Unter der Überschrift „Sie ist die Mutter vom toten Baby im Gruselwald“ berichtet eine Boulevardzeitung über die Ermittlungen gegen ein 15-jähriges Mädchen, dem vorgeworfen wird, sein neugeborenes Baby getötet zu haben. In den Beitrag ist ein großes Porträtfoto der Schülerin eingeklinkt. Ihr Gesicht ist z.T. gepixelt. Der Name wurde von der Redaktion geändert. Die Betroffene wird als 15-jähriges Mädchen beschrieben, das mit seinen Eltern in einem fünfstöckigen Plattenbau lebt und eine Gesamtschule besucht. Der Wohnort wird genannt. Auch der Kindesvater wird im Bild mit einem Augenbalken gezeigt und mit seinem Vornamen genannt. Anwaltlich vertreten, beschwert sich die Familie der Betroffenen beim Deutschen Presserat über den Inhalt des Artikels und die Veröffentlichung des Lichtbildes. Durch die Veröffentlichung werde die Persönlichkeitsentfaltung der 15-Jährigen erheblich beeinträchtigt, denn sie werde nicht nur für die Nachbarschaft und die gesamte Schule erkennbar dargestellt. Durch die Beschreibung ihres Wohnortes werde sie dem gesetzlich normierten Schutz der Nichtöffentlichkeit des gegen sie gerichteten Strafverfahrens entzogen. Zwar liege die Berichterstattung von besonders schwerwiegenden und spektakulären Straftaten im ernsthaften Informationsinteresse der Öffentlichkeit, die Art und Weise der Berichterstattung über die vorliegende tragische Straftat diene jedoch maßgeblich dem Unterhaltungs- und Sensationsinteresse. Außerdem werde die Betroffene in dem Artikel bereits als Täterin dargestellt, ohne dass sie strafrechtlich verurteilt worden sei. Der besondere Schutz gegenüber Jugendlichen sei durch die Veröffentlichung nicht gewahrt worden. Die Rechtsabteilung des Verlages bittet den Presserat um Vertagung der Behandlung der Beschwerde, da die Beschwerdeführerin gleichzeitig rechtliche Ansprüche geltend gemacht habe. (2004)

Die Beschwerdekammer 2 des Presserats lehnt eine Vertagung ab, stellt im vorliegenden Fall einen Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex fest und erteilt der Zeitung eine nicht-öffentliche Rüge. Die Mitglieder der Kammer halten die Fehlleistung der Redaktion für so eindeutig, dass sich ein weiteres Abwarten erübrigt. Obwohl die Augenpartie des betroffenen Mädchens gerastert wurde, ist die Betroffene auf dem Bild dennoch zu erkennen. Die Erkennbarkeit wird darüber hinaus zusätzlich noch durch verschiedene Details im Text zum Umfeld und zum Wohnort des Mädchens erleichtert. Diese erkennbare Darstellung hält die Kammer für nicht gerechtfertigt. Zwar war das Ereignis als solches so außergewöhnlich und herausragend, dass eine Berichterstattung darüber grundsätzlich im öffentlichen Interesse liegt. Für die Identifizierbarkeit des Mädchens sieht die Kammer jedoch kein öffentliches Interesse. Das Gremium beanstandet auch die Abbildung des jugendlichen Vaters des toten Babys. Sein Foto mit dem richtigen und ausgeschriebenen Vornamen stellt auch ihn erkennbar dar. Der hier eingefügte Augenbalken macht ihn nicht ausreichend unkenntlich. (BK2-114/04)