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Wahnvorstellungen und wirre Thesen

Leserbrief-Debatte um einen Pfarrer, der ein Mörder war

Ein geständiger und verurteilter Frauenmörder arbeitet heute als Pfarrer. Unter der Überschrift “Pfarrer sollen Vorbilder sein” druckt eine Regionalzeitung den Leserbrief des Predigers einer “Bekennenden Evangelischen Gemeinde”. Dort steht der folgende Satz: “Der schlimmste Sünder, der Frauenmörder, der Homosexuelle, der Abtreibungsarzt, der Vergewaltiger – jeder ist eingeladen, seine Sünde zu erkennen und Gott um Vergebung zu bitten”. Ein Leser der Zeitung kritisiert die Gleichsetzung von Homosexuellen und Abtreibungsärzten mit Frauenmördern und Vergewaltigern. Zudem sei dem Leserbriefschreiber schon häufiger Gelegenheit gegeben worden, seine wirren Thesen und religiösen Wahnvorstellungen unters Volk zu bringen. Er wendet sich an den Deutschen Presserat. Die Chefredaktion teilt mit, man habe den Brief nicht leichtfertig, sondern nach Abwägung abgedruckt. Zum Thema – verurteilter Frauenmörder als evangelischer Pfarrer im Amt – habe die Redaktion eine Reihe von Leserbriefen erhalten, die von Zustimmung bis zu krasser Ablehnung reichten. Fünf Briefe seien veröffentlicht worden, darunter auch der kritisierte, um die ganze Bandbreite der Meinungsäußerungen deutlich zu machen. Die beanstandete Passage habe man nicht gestrichen, weil darin deutlich werde, dass der Leserbriefschreiber Homosexualität für eine Sünde halte. Dies habe man zwar als eine extreme, aber aufschlussreiche Meinungsäußerung bewertet. Hätte der Prediger geschrieben, dass Homosexuelle für ihn abartig und krank seien, wäre diese Passage gestrichen worden. Seine Einschätzung, Homosexualität sei eine Sünde, habe eine andere Qualität. Im Übrigen habe die Zeitung einen Einsender zu Wort kommen lassen, der den monierten Leserbrief hart kritisiert habe. Dies entspreche dem Konzept der Zeitung, in den Leserbriefspalten kontroverse Diskurse der Leser zu aktuellen gesellschaftlichen Themen in großer Bandbreite zuzulassen. Dieser Prozess werde selbstverständlich moderiert und redaktionell begleitet: Ein großer Teil der eingesandten Leserbriefe werde aus inhaltlichen Gründen nicht zur Veröffentlichung freigegeben und alle zu veröffentlichenden Briefe würden aufmerksam redigiert. (2006)

Grundsätzlich war zu klären, ob es diskriminierend ist, Frauenmörder, Homosexuelle, Abtreibungsärzte und Vergewaltiger in einer Aufzählung als “schlimmste Sünder” zu bezeichnen. Die Diskussion im Presserat macht deutlich, dass der Leserbrief in allererster Linie die Meinungsäußerung eines Lesers ist, für die die Zeitung redaktionell verantwortlich ist. Da der Einsender des kritisierten Briefes als Prediger einer evangelischen Gemeinde erkennbar ist, kann der Brief veröffentlicht werden. Auch wenn die Mitglieder des Beschwerdeausschusses die Gleichsetzung von Homosexuellen und Abtreibungsärzten mit Frauenmördern und Vergewaltigern insgesamt als abwegig betrachten, stellt er die Meinung des Predigers dar. Es wird deutlich, dass der Einsender mit diesen vier Aufzählungen seine religiöse Sichtweise zum Ausdruck bringt. Dem Leser wird somit erläutert, was der Prediger dieser Kirche über bestimmte gesellschaftliche Themen denkt. Dem Leser wird gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, sich kritisch mit dieser Glaubensrichtung auseinanderzusetzen. Die Einschätzung mancher Leser (“religiöse Wahnvorstellungen”, “wirre Thesen”) kann dabei das Ergebnis sein. Nach Auffassung des Presserats hat die Zeitung weder unverantwortlich gehandelt noch einer Diskriminierung nach Ziffer 12 des Pressekodex Vorschub geleistet. (BK2-146/06)