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Namensnennung bei Familiendrama

Unbewiesene Tatsachenbehauptung in der Überschrift

Eine Boulevardzeitung berichtet unter der Überschrift „19-Jähriger tötet seinen Vater“, ein psychisch Kranker habe offenbar seinen Vater erschlagen. Während der Tat habe die Mutter im Nebenzimmer geschlafen und anderntags den Ehemann mit eingeschlagenem Schädel im verwüsteten Wohnzimmer entdeckt. Der Sohn sei jetzt auf der Flucht. Die Zeitung nennt Vater, Mutter und Sohn mit vollem Namen, gibt das Alter der beiden Männer an und veröffentlicht die Adresse der Familie. Der Artikel endet mit dem Hinweis auf eine Telefonnummer, unter der die Polizei Hinweise auf den Flüchtigen entgegennehme. Von der Schwester der in dem Artikel benannten Mutter des mutmaßlichen Täters um Hilfe gebeten, tritt der Zentralrat der Juden in Deutschland beim Deutschen Presserat als Beschwerdeführer auf. Er sieht in der vollständigen Nennung des Namens und der Adresse der Frau einen Verstoß gegen die Ziffer 8 des Pressekodex. Die Betroffene sei als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen und habe laut Auskunft ihrer Schwester durch die Veröffentlichung berufliche Nachteile erlitten. Die Rechtsabteilung des Verlages weist darauf hin, dass die Redaktion sich nicht – wie die Formulierung in der Beschwerde es suggeriere – von antijüdischen Ressentiments habe leiten lassen. Die Religionszugehörigkeit der Betroffenen habe bei der Berichterstattung über den spektakulären Mordfall keine Rolle gespielt. In einer Pressemitteilung der Polizei seien die Hintergründe der Tat geschildert worden. Gleichzeitig sei die Presse gebeten worden, bei der Fahndung nach dem Flüchtigen behilflich zu sein. Um dieser Bitte entsprechen zu können, sei über die Beschreibung des mutmaßlichen Täters, einschließlich der Namensnennung, hinaus auch eine Information über den Tathergang, die Tathintergründe und den Tatort nötig gewesen. Da die Berichterstattung im öffentlichen Interesse erfolgt sei, nämlich für die Zwecke der Rechtspflege und der öffentlichen Sicherheit, müsse insoweit das persönliche Interesse der Betroffenen zurückstehen. (2004)