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Entführungsfall macht in der polnischen Presse Schlagzeilen

Gedruckt und Online berichtet eine überregionale Tageszeitung unter der Überschrift „Ein heikler Entführungsfall“ über eine Mutter, die in Polen zur Nationalheldin aufstieg, nachdem sie ihr Kind aus Deutschland hatte entführen lassen. Die Zeitung bezieht sich auf ein Interview, das die Mutter im polnischen Fernsehen im Beisein ihres Sohnes gegeben hatte. Dabei hatte sie das für ihren Fall zuständige deutsche Jugendamt scharf kritisiert. Zitat: „Mein Mann wollte nicht, dass Moritz nach unserer Scheidung Polnisch lernt. Das Jugendamt auch nicht.“ Die Zeitung berichtet weiter, das Jugendamt habe nach der Zuerkennung des Sorgerechts an den Vater ein Polnischverbot über Mutter und Kind verhängt. Der Vater des Jungen ist Beschwerdeführer. Nach seiner Auffassung ist der Bericht teilweise falsch. Die Zeitung habe sich nur auf Aussagen der Mutter gestützt. Die Autorin habe Fehler eingestanden, eine Korrektur jedoch nicht veröffentlicht. Konkret kritisiert er eine Verletzung der Ziffer 8 des Pressekodex (Persönlichkeitsrechte). Die Zeitung habe ihn mit vollem Namen und auch seinen Arbeitgeber – eine Behörde - genannt. Dies sei für das Verständnis des Sachverhalts nicht erforderlich gewesen. Dasselbe gelte für seinen Sohn Moritz. Auch werde seine Tochter, die bei der Entführung zugegen gewesen sei, nicht nur erwähnt. Die Zeitung habe auch deren jetzigen Rechtsstatus als Pflegekind bekannt gegeben. Er sieht auch eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex, da er von der Zeitung zu dem Fall nicht gehört worden sei. Etliche Fakten habe die Redaktion falsch dargestellt, so etwa in der Passage: „Nach der Scheidung im November 2002 sprach das Gericht der Mutter das Sorgerecht über Moritz zu.“ Rechtlich hätten beide Eltern das Sorgerecht. Und wenig später in einem weiteren Urteil das gemeinsame Aufenthaltsbestimmungsrecht erhalten. Nach Auffassung der Chefredaktion der Zeitung kann Ziffer 8 bei der Beurteilung dieses Falles nicht herangezogen werden. Bereits aus Art und Umfang der internationalen Berichterstattung ergebe sich ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit, das die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen überwiege. Das zeige schon die politische Debatte, die der Fall in Polen entfacht habe. Offensichtlich sei es der Autorin weniger um die Schilderung einer grenzüberschreitenden Kindesentführung gegangen, sondern mehr um die daraus resultierenden politischen Folgen und das Medienecho vor allem auf polnischer Seite. Die besonderen Hintergründe der deutsch-polnischen Beziehungen hätten eine Rolle gespielt. Dass die Gegendarstellung des Vaters des entführten Kindes nicht veröffentlicht worden sei, habe daran gelegen, dass sie nicht den formalen Anforderungen des Landespressegesetzes entsprochen habe. (2009)

Der Beschwerdeausschuss sieht den Pressekodex verletzt. Er spricht eine nicht-öffentliche Rüge aus. Der Vater des entführten Kindes wird von der Zeitung für eine breite Öffentlichkeit erkennbar gemacht. Nicht nur sein voller Name, sondern auch die Behörde wird genannt, bei der er tätig ist. Unbestritten ist, dass an der Entführung ein öffentliches Interesse besteht, nicht jedoch an der Erkennbarkeit des Vaters und des Jungen sowie des Status der Tochter als Pflegekind. Es liegt hier ein Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex vor (Persönlichkeitsrechte). Die Berichterstattung ist einseitig zugunsten der Mutter. Es wäre journalistisch korrekt gewesen, auch den Vater zu Wort kommen zu lassen. Mehrere Fehler in der Berichterstattung wären so gar nicht erst entstanden. Dies ist ein Verstoß gegen Ziffer 2 des Pressekodex (Journalistische Sorgfaltspflicht). Der Beschwerdeausschuss empfiehlt der Redaktion, künftig bei ähnlichen Fällen eine Anonymisierung zu gewährleisten. (BK2-43/09)