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Winnenden war kein „Regelfall“

Zeitung hebt Anonymisierung der Opfer vollständig auf

Die Online-Ausgabe einer Boulevardzeitung berichtet unter der Überschrift „Amok-Schütze von Winnenden – Diese jungen Leben hat er ausgelöscht“ über die größtenteils weiblichen Opfer des Amokschützen Tim K. Auf der Startseite der Homepage ist ein großes Foto von Tim K. zu sehen sowie mehrere Porträtbilder von getöteten Schülerinnen. In dem Beitrag werden drei Opfer mit vollem Namen genannt. Ein Nutzer der Ausgabe sieht Verstöße gegen die Richtlinie 8.1 des Pressekodex (Nennung von Namen/Abbildungen) und gegen Ziffer 4 (Grenzen der Recherche). Sein Vorwurf zu diesem Punkt: Die Fotos seien offensichtlich aus Community-Plattformen wie StudiVz herauskopiert worden. Die Rechtsabteilung nimmt zunächst zum Thema Persönlichkeitsrechte Stellung. Der Pressekodex bestimme, dass „in der Regel“ eine identifizierende Darstellung der Opfer zu unterbleiben habe. Der Amoklauf von Winnenden sei jedoch kein Regelfall gewesen. Die Zeitung beruft sich auf die „besonderen Begleitumstände“ nach Richtlinie 8.1, die eine Darstellung der Opfer in der hier vorliegenden Art rechtfertigten. Unlautere Methoden habe die Redaktion bei der Beschaffung des Bildmaterials nicht angewandt. (2009)