Pressemitteilung

03. Dezember 2015

Totes Flüchtlingskind am Strand ein Dokument der Zeitgeschichte

Der Presserat hat auf der Sitzung des Beschwerdeausschusses 1 am 02.12.2015 wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex neun öffentliche Rügen ausgesprochen. Als Dokument der Zeitgeschichte bewertete der Ausschuss die Fotos des ertrunkenen Jungen, dessen Leichnam an einem Strand in Bodrum gefunden...mehr lesen

worden war. Es lagen 19 Beschwerden gegen diverse Zeitungen/Zeitschriften vor, die den Jungen in ihren Print- und Onlineausgaben gezeigt hatten. Alle Beschwerden erachtete der Ausschuss als unbegründet. Die Aufnahmen des Kindes sind nicht unangemessen sensationell und nicht entwürdigend. Der vierjährige Junge war auf der Flucht mit seiner Familie über das Mittelmeer ertrunken. Das Bild löste vielfältige Emotionen aus und hatte weltweit Diskussionen über Flüchtlingspolitik angestoßen. Aus Sicht des Beschwerdeausschusses steht das Foto symbolisch für das Leid und die Gefahren, denen sich die Flüchtlinge auf ihrem beschwerlichen Weg nach Europa aussetzen. Die Dokumentation der schrecklichen Folgen von Kriegen, der Gefahren des Schlepperwesens und der Überfahrt nach Europa begründet ein öffentliches Interesse. Das Gesicht des Kindes ist nicht direkt zu erkennen. Seine Persönlichkeitsrechte werden nicht verletzt.

Als unbegründet erachtete der Ausschuss auch die Beschwerden zum Foto der toten Flüchtlinge in einem Lastwagen, das verschiedene Boulevardzeitungen veröffentlicht hatten. 71 Menschen waren in einem von Schleppern gefahrenen Lastwagen erstickt. Aus Sicht des Ausschusses handelt es sich hier um die Berichterstattung über ein schweres Verbrechen. Hieran besteht ein öffentliches Interesse. Die Redaktion dokumentiert mit dem Foto nach Meinung des Ausschusses die schreckliche Realität, ohne die abgebildeten Menschen zu entwürdigen. Diese sind auch nicht identifizierbar. Der Beschwerdeausschuss hält das Foto für furchtbar. Dennoch darf die Realität gezeigt werden, solange die Darstellung nicht unangemessen sensationell ist in dem Sinne, dass die Opfer erneut zu Opfern werden. Das ist hier nicht der Fall. Die Berichterstattung lenkt den Fokus auf die Gefahren und Probleme, mit denen Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa konfrontiert sind. 20 Beschwerden lagen dem Presserat hierzu vor.



Sommerrätsel mit Mordopfer

Eine Rüge erhielt der MANNHEIMER MORGEN wegen eines Verstoßes gegen die Ziffern 1 und 8 des Pressekodex. Die Zeitung hatte unter der Überschrift „Ein Spaß für Kreuz- und Querdenker“ ein Sommerrätsel veröffentlicht und darin nach der Herkunft einer jungen Frau gefragt, die ermordet und missbraucht worden war. Zudem hatte die Zeitung den Vornamen und abgekürzten Nachnamen des Opfers genannt und ihr Foto abgedruckt. Der Ausschuss beurteilte dies als Verletzung der Würde und des Persönlichkeitsschutzes des Opfers. Zugleich erkannte er eine Beschädigung des Ansehens der Presse. Zwar hatte die Zeitung den Fehler eingeräumt, eine öffentliche Entschuldung gegenüber den Lesern war aber unterblieben.

Quiz zu Strafverfahren

Wegen eines Verstoßes gegen Ziffer 1 des Kodex (Menschenwürde) wurde TV MOVIE Online gerügt, die auf ihrer Facebook-Seite ein Quiz unter dem Titel „Ex-Kinderstar wegen Ausbeutung verklagt“ veröffentlicht hatte. Zur Auswahl standen vier verschiedene ehemalige Kinderstars. Der Leser konnte raten, welcher in ein Verfahren verwickelt ist. Die Spekulation mit einer Straftat als Quiz hält der Ausschuss für eine menschenunwürdige Methode und einen schweren Verstoß gegen den Kodex.



Diskriminierung von Homosexuellen

Gegen das DELMENHORSTER KREISBLATT wurde eine Rüge wegen der Veröffentlichung eines Leserbriefs ausgesprochen. Der Verfasser hatte darin Homosexualität als „abartige Lebensform“ bezeichnet und sie in die Nähe von Straftaten gerückt. Diese Darstellung ist diskriminierend und verstößt gegen Ziffer 12 des Pressekodex. Verletzt wurde auch Richtlinie 2.6 Pressekodex, nach der bei der Veröffentlichung von Leserbriefen die publizistischen Grundsätze zu beachten sind.



Mehrfacher Mord mit Selfie

Eine schwerwiegende Verletzung der Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) rügte der Ausschuss in der Veröffentlichung eines Videos auf BILD Online. Gezeigt werden im Meer schwimmende Menschen, die sich an Wrackteile klammern und von einem Schiff aus nach und nach erschossen werden. Das Video war offensichtlich von den Tätern selbst erstellt worden, die nach der Tat vor der Kamera posierten. Die Schussszenen mit den getroffenen Opfern wurden zum Teil verpixelt. Eine journalistische Einordnung des Geschehens im Video findet nicht ausreichend statt. In der konkreten Veröffentlichungsform geht die Berichterstattung nach Ansicht des Ausschusses über das Informationsinteresse hinaus und dient vor allem der Befriedigung von Sensationsinteressen.


Archivfotos zu aktuellen Missständen

BILD (Berlin) und B.Z. wurden wegen eines Verstoßes gegen Ziffer 2 (Sorgfalt) gerügt. Die Publikationen hatten zur Illustration einer Berichterstattung über (angebliche) Missstände in einem Brandenburger Tierheim im Mai 2015 zumindest teilweise auf mindestens ein Jahr altes Fotomaterial von verwahrlosten Tieren zurückgegriffen. Die Fotos waren bereits in einer ähnlichen Berichterstattung über das Tierheim im April 2014 veröffentlicht worden. Einen Bericht über die aktuelle Situation mit Archivfotos zu belegen, ohne die Leser über das Alter der Fotos aufzuklären, ist nach Auffassung des Beschwerdeausschusses ein schwerer Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht.


Dreifache Schleichwerbung

Eine Rüge wegen Schleichwerbung erhielt TV HÖREN UND SEHEN. Die Zeitschrift hatte einen Artikel über Schlafprobleme veröffentlicht und dabei die Vorzüge eines bestimmten Wirkstoffs geschildert. Direkt beigestellt war dem Beitrag eine Anzeige für ein Schlafmittel, das genau diesen  Wirkstoff enthält. Der Beschwerdeausschuss sah in der engen räumlichen Nähe von Anzeige und redaktionellem Beitrag die Grenze zur Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 des Pressekodex als überschritten an, da die Werbewirkung der Anzeige durch die positive redaktionelle Darstellung des Wirkstoffs verstärkt wird.

 
Ebenfalls wegen Schleichwerbung gerügt wurde die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG wegen der Veröffentlichung eines Fotos mit Unterzeile auf der Titelseite. Das Bild zeigte zwei junge Frauen mit Regenschirmen, auf die ein Stadtplan von Leipzig aufgedruckt ist, vor dem Kaufhof in Leipzig. In der Bildunterzeile hieß es, dass der Schirm u. a. bei Kaufhof für 19,99 Euro erhältlich sei. Mit der Veröffentlichung wurde die Grenze zur Schleichwerbung überschritten, da ohne redaktionelle Begründung eine einzelne Bezugsquelle hervorgehoben wurde.

 
Gerügt wurde auch die Zeitschrift PETRA, die in einer Beilage von der Redaktion ausgewählte „32 Sommer-Bücher“ vorgestellt hatte. Dabei wurden jedoch ausschließlich Bücher einer einzigen Verlagsgruppe präsentiert. In dieser Konzentration auf einen einzelnen Anbieter sah der Beschwerdeausschuss Schleichwerbung für dessen Produkte.

 

Statistik

Die Ergebnisse: 9 öffentliche Rügen, 7 Missbilligungen und 17 Hinweise. 6 Beschwerden wurden als begründet bewertet, auf eine Maßnahme wurde jedoch verzichtet, 90 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet.


www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/

Ansprechpartnerin für die Presse: Edda Eick, Tel. 030-367007-13, eick@presserat.de
 

01. Dezember 2015

Artikel zu Facebook-Posts verstoßen nicht gegen Kodex

Der Presserat hat auf der Sitzung des Beschwerdeausschusses 2 am 01.12.2015 wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex 2 öffentliche Rügen ausgesprochen. Als unbegründet bewertet unter dem Aspekt der Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) wurden Berichterstattungen in der HUFFINGTON POST Online...mehr lesen

sowie in BILD/BILD Online, die  fremdenfeindliche Äußerungen von Usern zur aktuellen Flüchtlingsdebatte aufgegriffen hatten. Unter der Überschrift „200 Deutsche riefen Flüchtlingen zu: ‚Willkommen!‘ Jetzt zeigen wir die andere Seite: Hier sprechen die Hassfratzen“ veröffentlichte HUFFINGTON POST Online eine Sammlung der aus ihrer Sicht schlimmsten Kommentare, die mit Profilbild und Name zu Artikeln der Zeitung gepostet und auf Facebook veröffentlicht worden waren. BILD/BILD Online veröffentlichten unter der Überschrift „BILD stellt die Facebook-Hetzer an den Pranger!“ ebenfalls Äußerungen von als „Hetzer“ bezeichneten Usern, die diese mit Profilbild und Name in sozialen Netzwerken veröffentlicht hatten. Insgesamt 38 Leser hatten sich über die Veröffentlichungen beschwert und Persönlichkeitsrechtsverletzungen sowie Diffamierungen kritisiert. Aus Sicht des Ausschusses war die Veröffentlichung der Äußerungen mit Name und Profilbild in beiden Berichterstattungen zulässig, da es sich hier nicht um private, sondern erkennbar um politische Äußerungen der User in öffentlich einsehbaren Foren handelte. Hieran besteht ein öffentliches Interesse, das die Persönlichkeitsrechte überlagert. Die von der HUFFINGTON-POST-Redaktion vorgenommene Einordnung als „Hassfratzen“ hält der Presserat für eine zugespitzte, scharfe Meinungsäußerung, die sich noch im Rahmen der presseethischen Grenzen bewegt. Gleiches gilt für die Formulierung „an den Pranger“ stellen in BILD.



Mord vor laufender Kamera

Wegen einer Verletzung von Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex wurde die Münchener ABENDZEITUNG Online gerügt. Die Redaktion hatte einen Artikel mit einem Video veröffentlicht, das die Ermordung einer Fernsehmoderatorin in den USA während einer laufenden Sendung zeigt. Sie und ihr Kameramann wurden von einem ehemaligen Arbeitskollegen erschossen. Im Videobeitrag wird mehrfach wiederholt der Moment gezeigt, in dem die tödlichen Schüsse fallen und die Todesschreie zu hören sind. Eine journalistische Einordnung des Geschehens im Video findet nicht statt. Diese Art der Berichterstattung geht nach Ansicht des Beschwerdeausschusses über das öffentliche Informationsinteresse hinaus, sie dient in erster Linie der Befriedigung von Sensationsinteressen.

 
Schleichwerbung für ein Auto

Gerügt wegen Schleichwerbung nach Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion) des Pressekodex wurde TV Movie. Die Zeitschrift hatte ein Interview mit dem Schauspieler Samuel Finzi veröffentlicht. Eingeleitet wurde das Gespräch mit der redaktionellen Feststellung, dass der Schauspieler gerade von einer Testfahrt mit dem neuen Skoda Superb zurückkomme. Dieser lobte daraufhin den Wagen in den höchsten Tönen. Beigestellt war dem Interview zudem ein Foto, das Finzi mit dem Wagen zeigt. Der Beschwerdeausschuss sah hier die Grenze zur Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 (Schleichwerbung) des Pressekodex deutlich überschritten, da die Erwähnung des Fahrzeuges und die Veröffentlichung des Fotos in keinerlei inhaltlichem Zusammenhang mit dem Interview über die Arbeit des Schauspielers standen.



Aus Rüge wird Hinweis

Im Zuge eines Wiederaufnahmeverfahrens hat der Beschwerdeausschuss eine am 02.06.2015 ausgesprochene Rüge gegen die LUDWIGSBURGER KREISZEITUNG wegen Ziffer 12 zurück genommen. Es ging um eine Berichterstattung über einen Trickdiebstahl. Die Verdächtigen wurden dabei als „Sinti und Roma“ beschrieben. Das Verfahren war wieder aufgenommen worden, weil bei der ersten Entscheidung nicht ausreichend berücksichtigt worden war, dass die Bezeichnung „Sinti und Roma“ ein von der Polizei im Zuge der Fahndung verbreitetes Merkmal war, welches die Zeitung ungeprüft übernommen hatte. Daher wurde einem Antrag der Zeitung auf Wiederaufnahme des Verfahrens im September stattgegeben. Für die Nennung der Nationalität sieht der Ausschuss nach wie vor keinen begründeten Sachbezug. Da ansonsten aber keine Diskriminierung in dem Beitrag zu erkennen war, änderte der Beschwerdeausschuss die Maßnahme von einer Rüge in einen Hinweis.

 
 Statistik

Die Ergebnisse: 2 öffentliche Rügen, 8 Missbilligungen und 15 Hinweise. 2 Beschwerden wurden als begründet bewertet, auf eine Maßnahme wurde jedoch verzichtet, 66 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet.

 

Ansprechpartnerin für die Presse: Edda Eick, Tel. 030-367007-13, eick@presserat.de

01. Oktober 2015

Germanwings-Absturz: Medienberichte in der öffentlichen Kritik

"Germanwings-Absturz und die Folgen - Was lernen wir daraus?" lautet der Titel einer Diskussionsveranstaltung am 15.10.2015 bei der Landesanstalt für Medien in Düsseldorf. Journalisten, Wissenschaftler und weitere Experten reflektieren die Medienberichterstattung zu dem schrecklichen Ereignis....mehr lesen

Brauchen Leser, Zuschauer und Hörer wirklich jedes Detail und jedes Bild für eine informative und glaubwürdige Veranstaltung? Diese und weitere Fragen sollen besprochen werden. Veranstalter sind: Grimme-Institut, Deutscher Presserat und Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi-NRW. Das Programm finden Sie hier.

18. September 2015

Trennungsgrundsatz nach Ziffer 7 häufig missachtet

Der Deutsche Presserat hat auf seinen Beschwerdeausschuss-Sitzungen am 15. und 17. September 2015 wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex 10 öffentliche Rügen ausgesprochen. Gleich 7 Rügen mussten diesmal wegen des Gebots der klaren Trennung von Redaktion und Werbung ausgesprochen werden. Die...mehr lesen

RHEINISCHE POST + ONLINE hatte über ein Kreditangebot einer Bank ausschließlich positiv und völlig unkritisch berichtet. Beigestellt war der Veröffentlichung zudem ein Foto, das einen Mitarbeiter der Bank mit einem großen Werbeplakat für das Angebot zeigte. Diese Art der Berichterstattung war nach Auffassung des Presserats nicht von öffentlichem Interesse und überschritt deutlich die Grenze zur Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 des Pressekodex.

Das Magazin ST. GEORG hatte einen vierseitigen Artikel über eine – passend zu einem Kinofilm für Kinder entworfene – Reitsportkollektion veröffentlicht. Der Beitrag stammte jedoch nicht von der Redaktion, sondern vom Hersteller selbst, der vielfach namentlich erwähnt wurde. Er enthielt sowohl werbliche Formulierungen als auch einen Hinweis auf eine konkrete Bezugsquelle sowie eine weitere Kollektion. Auch hier erkannte der Presserat Schleichwerbung.

Nicht gekennzeichnete Werbung und damit eine Verletzung der  Richtlinie 7.1 Pressekodex sah der Presserat in drei Veröffentlichungen der WESTFÄLISCHEN NACHRICHTEN. Die Zeitung hatte im Rahmen einer - wie sie mitteilte – „Medienpartnerschaft“ drei redaktionell gestaltete Beiträge über Unternehmen und ihr Angebot veröffentlicht. Beigestellt waren den Artikeln Anzeigen der Unternehmen. Der Presserat sah in den Beiträgen Werbung, die nicht als solche gekennzeichnet war und sprach eine Rüge aus.

Eine Rüge erhielt außerdem L. A. MULTIMEDIA wegen Verstößen gegen Ziffer 7 des Pressekodex. Das Magazin hatte unter anderem in werblicher Sprache über IT-Produkte berichtet und dabei jeweils einen bestimmten Hersteller bzw. Anbieter hervorgehoben. Zudem enthielten die Artikel Hinweise auf die Web-Seiten der Unternehmen. Einer der Artikel war sogar von einem leitenden Mitarbeiter eines Herstellerunternehmens verfasst worden. Der Presserat beurteilte die Artikel als Schleichwerbung.

Ebenfalls gerügt wegen Schleichwerbung wurde FOCUS OLINE für einen Beitrag über die Gründe für die Popularität einer Drogeriekette. Bei einer Aufzählung einzelner Punkte, die für die Beliebtheit der Kette bei den Verbrauchern sprechen, hatte die Redaktion jegliche Distanz vermissen lassen und sich die vermeintlich positive Sichtweise der Kunden zu Eigen gemacht.

Eine Rüge wegen Schleichwerbung und nicht ausreichender Kennzeichnung von Anzeigen wurde gegen SONNTAG AKTUELL ausgesprochen. Die Zeitung hatte  25 ausgewählte Urlaubshotels vorgestellt und dabei  auch werbliche Formulierungen verwendet. Im Umfeld der Artikel wurden zudem zwei redaktionell gestaltete Anzeigen veröffentlicht, die mit 'Sonderveröffentlichung' gekennzeichnet waren. Dieser Begriff ist jedoch nicht geeignet, die Werbung für den Leser klar als solche erkennbar zu machen.

Auch die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG wurde gerügt, weil sie gegen Ziffer 7 Pressekodex verstoßen hat. Im Rahmen eines redaktionellen Beitrages auf der Titelseite hatte sie auf eine werbliche Veröffentlichung im Innenteil hingewiesen. Ein solcher Querverweis ist mit der erforderlichen klaren Trennung von Redaktion und Werbung nicht vereinbar.


Werbevideo als Nachrichtenbeitrag veröffentlicht

FOCUS Online wurde für die Veröffentlichung eines ursprünglich zu Werbezwecken erstellten Videos gerügt, dessen Inhalt nicht als fiktiv gekennzeichnet war. Der Beitrag war unter „Panorama“ neben „echten“ Nachrichten veröffentlicht worden. Unter der Überschrift „Das muss passieren, wenn man kein Bußgeld zahlen will“ ist in dem Video zu sehen, wie ein russischer Polizist während einer Verkehrskontrolle vor einem Rudel Wölfe in das kontrollierte Auto flüchten muss. Die Betrachter erfuhren weder im Begleittext noch bei Abspielen des Videos oder im Anschluss, dass die Wölfe computergeneriert sind und dass es sich um eine Wodka-Werbung handelt. Darin sieht der Presserat einen schwerwiegenden Verstoß gegen das in Ziffer 1 des Pressekodex festgeschriebene Gebot zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit.

Sequenz des Aufpralls mehrfach gezeigt

Wegen einer unangemessen sensationellen Darstellung eines grausamen Unfalls wurde BILD ONLINE gerügt. Die Redaktion hatte ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie Sportler der European Games von einem Bus angefahren werden. Sie erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Im Video wird mehrfach der Moment des Aufpralls gezeigt. Diese Wiederholung des Unfallmoments geht über ein öffentliches Interesse hinaus, die Grenze zur Sensationsberichterstattung nach Ziffer 11 des Pressekodex wird überschritten, bewertete der Presserat.

Foto und Name eines Suizidopfers veröffentlicht
Gerügt wegen einer Verletzung des Persönlichkeitsschutzes nach Ziffer 8 Pressekodex wurde FOCUS ONLINE. Die Redaktion hatte in ihrem Facebook-Auftritt über den Suizid eines
13-jährigen Mädchens berichtet. Beigestellt war der Veröffentlichung ein Foto des Mädchens. Zudem wurde ihr voller Name genannt. Sie war somit eindeutig identifizierbar. Die in Richtlinie 8.7 geforderte Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Selbsttötung wurde hier grob missachtet.


Statistik
Die Ergebnisse: 10 öffentliche Rügen, 19 Missbilligungen und 37 Hinweise. 12 Beschwerden wurden als begründet bewertet, auf eine Maßnahme wurde jedoch verzichtet, 70 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet.

Ansprechpartnerin für die Presse: Edda Eick, Tel. 030-367007-13

05. Juni 2015

Irreführung bei "Enthüllungen" aus der Promi-Welt

Der Deutsche Presserat hat im Juni 2015 wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex sechs öffentliche Rügen ausgesprochen.

Gegen DAS NEUE BLATT erging eine öffentliche Rüge wegen eines Artikels über Helene Fischer. Das Magazin hatte auf der Titelseite mit „Helene Fischer Lebensgefahr“ aufgemacht....mehr lesen

Im Heft wurde unter der Überschrift „Schwerer Unfall ? wird sie jetzt vernünftig?“ berichtet, dass eine Varieté-Artistin aus Düsseldorf, die mit Helene Fischer nichts zu tun hat, sich bei einer Bühnenshow verletzt habe. Dieser Unfall zeige jedoch, dass die Verletzungsgefahr bei solchen Shows groß sei. Für die Bühnenshow der Sängerin war dies jedoch objektiv nicht der Fall. Die Darstellung auf der Titelseite und in der Schlagzeile war damit bewusst irreführend und entspricht nicht den Anforderungen der Ziffern 1 und 2 des Pressekodex.

Diskriminierung von Sinti und Roma
Die LUDWIGSBURGER KREISZEITUNG wurde gerügt wegen der Veröffentlichung einer Polizeimeldung über einen Trickdiebstahl. Darin war ein Hinweis enthalten, dass die Tatverdächtigen „vermutlich Sinti oder Roma“ seien. Der Beschwerdeausschuss hielt die Zuschreibung für diskriminierend und für einen schwerwiegenden Verstoß gegen Ziffer 12 in Verbindung mit Richtlinie 12.1 des Pressekodex. Die Benennung der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit stand in keinem erkennbaren Sachzusammenhang mit dem zugrundeliegenden Fall und war deshalb nicht erforderlich.  


Notruf eines Verbrechensopfers veröffentlicht
Eine weitere Rüge sprach der Beschwerdeausschuss gegen BILD Online wegen Verstoßes gegen die Ziffern 8 und 11 des Pressekodex aus. Das Medium hatte einen aus den USA stammenden Mitschnitt eines Notrufs veröffentlicht. Darin berichtet die schwer verletzte Anruferin, dass sie schwanger sei und eine Frau ihr den Bauch aufgeschnitten habe. Der Ausschuss beurteilte die Veröffentlichung als unangemessen sensationell. Der über fünf Minuten lange Mitschnitt ermöglichte es den Hörern, am Leiden der Frau teilzunehmen. Ein Begleittext mit einer journalistischen Einordnung des Falls fehlte. Da die Frau auch mit Bild gezeigt wurde und sie bei dem Notruf ihren Vornamen, ihr Alter und ihre Adresse nennt, lag zudem eine Verletzung des Schutzes ihrer Persönlichkeit vor.

Schleichwerbung für „Wundermittel“
Wegen Verletzung des Grundsatzes der klaren Trennung von Redaktion und Werbung (Ziffer 7 Pressekodex) wurde die MÄRKISCHE ALLGEMEINE gerügt. Die Zeitung hatte drei Beiträge veröffentlicht, in denen den Lesern jeweils ein bestimmtes Produkt vorgestellt wurde - im ersten Fall ein Notizbuch, im zweiten ein Haarpflegemittel, im dritten Beitrag ein Raumparfüm. Dabei wurden Produktfotos veröffentlicht und Preise genannt. In einem Fall wurde der vorgestellte Artikel zudem  als „Wundermittel“ bezeichnet und auf eine konkrete Bezugsquelle hingewiesen. Der Beschwerdeausschuss sah durch diese Angaben die Grenze zur Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 Pressekodex überschritten.

Unwahrhaftige Berichte über Prinzessin Mette-Marit
Ebenfalls gerügt wurden FREIZEIT EXPRESS und REVUE HEUTE. In den beiden Zeitschriften erschien ein - identischer - Beitrag unter der Überschrift „Traurige Diagnose! Sie ist unheilbar krank!“ über eine angebliche schwere Erkrankung der norwegischen Prinzessin Mette-Marit. Auf den Titelseiten wurde der Artikel angekündigt mit „Sie weint nur noch - Mette-Marit - Schock-Diagnose - Die Prinzessin ist unheilbar krank ...“ und einem Foto einer weinenden Prinzessin, das bei der Trauerfeier für die Opfer von Utøya aufgenommen wurde. Beim Leser entstand durch diese Aufmachung der Eindruck, als sei die Prinzessin schwer erkrankt. Im Artikel selbst wird jedoch lediglich mitgeteilt, dass „Palastinsider“ von einer „ausgewachsenen Depression“ sprächen. Dafür gebe es „keine Heilung“, stellt die Redaktion dazu fest. Belege für eine tatsächliche Erkrankung werden nicht geliefert. Der Beschwerdeausschuss sah in dieser Art der Darstellung eine unwahrhaftige Berichterstattung (Ziffer 1 Pressekodex), da der Leser grob getäuscht wurde sowie eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht (Ziffer 2 Pressekodex), da das Bild auf der Titelseite nicht als Symbolfoto gekennzeichnet wurde.


Statistik

Die Ergebnisse: 8 öffentliche Rügen, 32 Missbilligungen und 36 Hinweise. 5 Beschwerden wurden als begründet bewertet, auf eine Maßnahme jedoch verzichtet.
In diesen Zahlen enthalten sind 2 öffentliche Rügen, 6 Missbilligungen und 9 Hinweise zum Themenkomplex Germanwings-Absturz (Pressemitteilung vom 04.06.2015).


Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel. 030-367007-13

04. Juni 2015

Germanwings-Beschwerden: Co-Pilot durfte benannt werden

Der Co-Pilot des Germanwings-Flugs 4U9525 durfte nach Ansicht des Deutschen Presserats in den allermeisten Fällen benannt und abgebildet werden. Die Abbildung von Opfern und deren Angehörigen war jedoch in der Regel unzulässig. Zu diesem Ergebnis kamen die Beschwerdeausschüsse des Presserats nach...mehr lesen

intensiven Beratungen über die Beschwerden zur Berichterstattung über das Unglück. Insgesamt hatten 430 Menschen die Berichterstattung beanstandet. Das ist die höchste Zahl an Beschwerden zu einem einzelnen Ereignis seit Gründung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Presse.


In den Sitzungen am 2. und 3. Juni 2015 spielte die Frage, ob der Name des Co-Piloten genannt und sein Bild ohne Unkenntlichmachung gezeigt werden durfte, die größte Rolle, da zu diesem Thema die meisten Beschwerden eingegangen waren. Dabei war eine Vielzahl an Faktoren zu berücksichtigen.

Zunächst handelte es sich bei dem Germanwings-Unglück nach Ansicht des Presserats um eine außergewöhnlich schwere Tat, die in ihrer Art und Dimension einzigartig ist. Dies spricht für ein überwiegendes öffentliches Interesse an dem Fall insgesamt, jedoch könnte es auch Gründe geben, die dennoch eine Anonymisierung erfordern würden.

So könnte z.B. durch die Nennung des Namens des Co-Piloten, seines Wohnortes und der Information, dass er auch im Elternhaus gelebt hat, die Identifizierung der Eltern ermöglicht werden. Aus Sicht des Presserats überwiegt jedoch in diesem außerordentlichen Fall das öffentliche Interesse an der Information über den Täter, soweit es die reine Nennung des Nachnamens betrifft.

Beschäftigt hat sich der Presserat auch mit der Frage, ob das Ereignis als Suizid zu behandeln ist und deshalb besondere Zurückhaltung geboten gewesen wäre. Dieser Gesichtspunkt tritt jedoch im Hinblick auf die 149 weiteren Todesopfer zurück.

Schließlich setzte sich der Presserat mit einer möglichen Vorverurteilung des Co-Piloten durch die Berichterstattung auseinander. Er kam zu der Auffassung, dass die Medien ab dem Zeitpunkt der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.3.2015 davon ausgehen durften, dass Andreas Lubitz das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten entsprechende Erkenntnisse durch die Auswertungen des Sprachrekorders und weitere Ermittlungen der französischen Luftfahrtbehörde vorgelegen. Zusammen mit der Einzigartigkeit des Falls war in der Gesamtschau eine Nennung des Namens des Co-Piloten aus Sicht des Presserats zulässig.

Nicht entscheidend war hingegen, dass internationale Medien bereits Namen veröffentlicht hatten, da in Deutschland in der Regel andere ethische Maßstäbe im Allgemeinen und der Pressekodex des Deutschen Presserats im Besonderen ausschlaggebend für die Presse sind.

Als sehr hoch zu bewerten ist die Schutzwürdigkeit der Opfer und ihrer Angehörigen. Deren Namen und Fotos dürfen aus Sicht des Presserats nur dann identifizierbar veröffentlicht werden, wenn es sich um berühmte Persönlichkeiten handelt oder eine ausdrückliche Zustimmung vorliegt.


BILD und BILD Online für Opferfotos gerügt

Konkret hat der Beschwerdeausschuss 1 eine Sammelbeschwerde mit 144 Beschwerdeführern gegen die identifizierende Berichterstattung über den Co-Piloten in BILD und BILD.de für unbegründet erachtet.  Dies gilt auch bei vergleichbaren Fällen in 16 anderen Medien.

Eine Rüge gegen BILD und BILD Online sprach der Beschwerdeausschuss 2 aus, weil mehrfach Bilder und Namen von Opfern veröffentlicht worden waren. So waren Fotos von Urlaubern gezeigt worden, die zwar an einem Ort in einer Kleinstadt öffentlich ausgehängt worden waren. Dies geschah jedoch nicht für die Medienöffentlichkeit und ohne Zustimmung der Abgebildeten oder Angehörigen. Eine Lehrerin durfte nicht benannt und gezeigt werden, da sie nicht durch ihren Beruf und die Tatsache, dass sie Opfer des Absturzes geworden war, zu einer Person von so öffentlichem Interesse geworden wäre, dass dies den Schutz ihrer Persönlichkeit überwiegen würde. Das Foto einer Schulklasse, zu der auch Opfer des Unglücks gehörten, verstieß gegen den Schutz der Persönlichkeit der Abgebildeten. Zwar waren die Gesichter unkenntlich gemacht worden, jedoch ist die Klasse als Gruppe für einen erweiterten Personenkreis identifizierbar. Unzulässig war auch der Nachdruck einer Todesanzeige mit den Namen der Todesopfer aus dieser Klasse, insbesondere in Kombination mit dem gleichen Klassenfoto. Insgesamt sah der Ausschuss in diesen Veröffentlichungen einen schweren Verstoß gegen Richtlinie 8.2 des Pressekodex.


Partnerin des Co-Piloten war identifizierbar

Eine weitere Rüge erging gegen die RHEINISCHE POST. Diese hatte über die Partnerin des Co-Piloten berichtet. Zwar wurde ihr vollständiger Name nicht genannt, jedoch waren in dem Text so viele persönliche Details über sie enthalten, dass sie für einen erweiterten Personenkreis identifizierbar war.

Eine Missbilligung sprach der Beschwerdeausschuss 1 gegen BILD Online aus, weil in zwei Artikeln zu viele Details über die Eltern des Co-Piloten genannt worden waren. So ist es zwar angesichts des hohen Interesses an Andreas Lubitz selbst durch die Nennung seines Nachnamens nicht zu vermeiden, dass in einer Berichterstattung über ihn auch seine Eltern identifizierbar werden. In den beanstandeten Berichten waren darüber hinaus aber noch die Berufe der Eltern erwähnt worden, womit die Grenze des Persönlichkeitsschutzes überschritten worden ist.

Eine regionale Tageszeitung erhielt eine Missbilligung, weil sie ein Foto veröffentlicht hatte, welches das Haus der Eltern des Co-Piloten zeigte. Zwar gab es unter den vom Presserat insgesamt geprüften Fällen auch solche mit zulässigen Fotos, die zum Beispiel nur den Eingang zeigten. Im vorliegenden Fall waren aber das vollständige Haus und dessen Umgebung zu erkennen, wodurch es sich verorten lässt. Dies verletzt aus Sicht des Beschwerdeausschusses 2 den Schutz der Persönlichkeit der Eltern.

Zahlreiche Beschwerden richteten sich gegen die Veröffentlichung von Fotos der Angehörigen von Absturzopfern, die an den Flughäfen in Düsseldorf und Barcelona aufgenommen worden waren. Im Fall von BILD Online gingen hierzu 13 Beschwerden ein. Der Beschwerdeausschuss 2 sprach eine Missbilligung aus. Von einer Rüge wurde abgesehen, weil die Fotos nach sehr kurzer Zeit wieder von der Seite gelöscht worden waren. Der Beschwerdeausschuss vertritt jedoch die Auffassung, dass die ethische Abwägung durch die Redaktion erfolgen muss, bevor durch die Veröffentlichung ein Verstoß gegen die ethischen Grundsätze begangen wird. Aus den gleichen Gründen wurden auch andere Medien für derartige Fotos missbilligt.

Keinen Verstoß gegen den Pressekodex sah der Beschwerdeausschuss 2 in der BILD-Kolumne „Post von Wagner: Liebe Absturzopfer“, gegen die 31 Beschwerden vorlagen. Ausschlaggebend war, dass in darin keine Äußerungen enthalten waren, welche gegen den Pressekodex verstoßen. Zu Entscheidungen über guten oder schlechten Geschmack ist der Presserat jedoch nicht berufen.

Insgesamt sprach der Deutsche Presserat im Zusammenhang mit dem Germanwings-Unglück 2 öffentliche Rügen, 6 Missbilligungen und 9 Hinweise aus. Es lagen 50 Fälle mit 359 Beschwerden vor. Einige Beschwerden wurden darüber hinaus nicht behandelt, weil sie allgemeine Medienkritik betrafen oder sich gegen den Rundfunk richteten, für den der Presserat nicht zuständig ist.


Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel. 030-367007-13


02. Juni 2015

Stellungnahme zum BILD-Aufruf

Im Zusammenhang mit dem Aufruf der BILD-Zeitung und von BILD Online vom 2.6.2015 an ihre Leserinnen und Leser, sich beim Presserat über eine öffentliche Rüge gegen BILD zu beschweren, weist der Deutsche Presserat darauf hin, dass Jugendliche, auch dann, wenn sie eine schwere Straftat begangen haben,...mehr lesen

besonders zu schützen sind. Dieser Aspekt war eine wichtige Grundlage der Entscheidung, welche nun von BILD kritisiert wird.

 BILD und BILD Online hatten über einen Mordprozess gegen einen 16-Jährigen berichtet. Dieser war darin mit Vornamen, abgekürztem Nachnamen, Alter und Wohnort genannt, darüber hinaus war ein Portraitfoto ohne Unkenntlichmachung von ihm gezeigt worden. Über einen jugendlichen Straftäter derart identifizierend zu berichten, wertete der Presserat im März 2015 als einen schweren Verstoß gegen den Pressekodex (Ziffer 8, Schutz der Persönlichkeit, Richtlinien 8.1 und 8.3), denn die Identität von Kindern und Jugendlichen genießt besonderen Schutz, auch bei schweren Straftaten.

Der Presserat erklärt nach dem Aufruf von BILD und BILD Online zu dieser Entscheidung, dass es bei Straftaten zwar in der Tat Kriterien gibt, die in Einzelfällen dafür sprechen können, dass identifizierende Berichterstattung ethisch vertretbar sein kann. Eines dieser Kriterien ist gemäß Richtlinie 8.1, dass es sich um eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat handeln muss. Mord ist stets eine schwere Straftat, darüber gibt es keinen Zweifel. Jedoch rechtfertigt auch Mord nicht in jedem Fall die identifizierende Berichterstattung. Mit Blick auf die in Frage stehende Tat ist der Presserat zu dem Ergebnis gekommen, dass diese, so verachtenswert, wie sie ist, die Identifikation des Täters für ein großes Publikum nicht ethisch rechtfertigt, da andere Kriterien der Ziffer 8 des Pressekodex dafür sprechen, dass er hätte anonymisiert werden müssen. Vor allem die Tatsache, dass der Täter erst 16 Jahre alt war, also deutlich noch ein Jugendlicher, sprach nach Ansicht des Ausschusses gegen eine identifizierende Berichterstattung.


Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel. 030-367007-13

15. April 2015

Germanwings-Absturz: Beratung im Juni

Dem Deutschen Presserat liegen inzwischen rund 430 Beschwerden gegen Berichterstattungen über den Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 vor. Die Beschwerdeausschüsse werden diese voraussichtlich am 2. und 3. Juni beraten.

„Noch nie gab es so viele Beschwerden zu einem einzelnen Themenkomplex“, so der...mehr lesen

Sprecher des Presserats, Tilmann Kruse. Zum Vergleich: Zur Berichterstattung über die Loveparade in Duisburg im Jahr 2010 gab es 241 Beschwerden, im gesamten Jahr 2014 sind beim Deutschen Presserat ca. 2000 Beschwerden eingegangen.

Zum Germanwings-Unglück haben sich überwiegend Privatpersonen gemeldet, deren Kritik viele Teilaspekte der Berichterstattung betrifft. So ist die Frage, ob über den Co-Piloten identifizierend berichtet werden darf, ebenso ein Thema wie zum Beispiel die Veröffentlichung von Opferfotos und Opfergalerien, die Frage des Schutzes der Angehörigen von Co-Pilot und Opfern, eine möglicherweise unangemessen sensationelle Berichterstattung, die Frage der Vorverurteilung oder das Ansehen der Presse, erläutert Tilmann Kruse.

Die Bearbeitung des Themas nimmt den Presserat derzeit stark in Anspruch. Die  betroffenen Medien werden in Kürze von den gegen sie vorliegenden Beschwerden in Kenntnis gesetzt und um Stellungnahme gebeten. Da auch die Bearbeitung der Entscheidungen einige Zeit in Anspruch nehmen wird, bittet der Presserat die Beschwerdeführer, sich nach den Sitzungen zunächst über die Medien oder unsere Internet-Seite www.presserat.de über den Verlauf der Sitzungen zu informieren, bis ihnen die Entscheidungen zugestellt werden können.

Alle Beschwerden durchlaufen einen mehrstufigen Prüfungsprozess. Zunächst muss feststehen, dass der Presserat für das kritisierte Medium zuständig ist. Eine Beschwerde gegen den Rundfunk kann beispielsweise nicht behandelt werden. Ferner muss sich die Beschwerde gegen eine bestimmte Veröffentlichung richten. Betreffen mehrere Beschwerden einen einzelnen Bericht, so werden diese zu einem Fall zusammengefasst. Wird das Verfahren eröffnet, so erhalten die betroffenen Medien Gelegenheit, Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. Dazu haben sie drei Wochen Zeit. Schließlich entscheiden die Beschwerdeausschüsse per Abstimmung darüber, ob die Beschwerde begründet ist und welche Maßnahme der Presserat ausspricht.

Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel.: 030/36 70 07-13

13. März 2015

„Trophäe“ einer Vergewaltigung gezeigt

Der Deutsche Presserat hat im März 2015 wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex sieben  öffentliche Rügen ausgesprochen.

Der Beschwerdeausschuss 2 sprach eine Rüge gegen BILD und BILD Online wegen der Berichterstattung über eine Vergewaltigung aus. Der Täter hatte sich und das Opfer während...mehr lesen

der Tat mit seinem Handy fotografiert. Dem Artikel waren eine Abbildung des Täters und ein bei der Tat aufgenommenes Foto beigestellt. Darauf war das Gesicht des Opfers zwar verfremdet. Der Ausschuss sah darin gleichwohl einen Verstoß gegen die Ziffern 1, 8 und 11 des Pressekodex. Als besonders gravierende Verletzung der Würde des Opfers bewertete er den Umstand, dass BILD und BILD Online ein Foto veröffentlichten, welches der Täter während der Tat als „Trophäe“ angefertigt hatte.

Eine weitere Rüge des Beschwerdeausschusses 2 erging gegen BILD Online wegen der identifizierenden Berichterstattung über ein Mordopfer. Die junge Frau war mutmaßlich von ihrem Freund getötet worden, der sich anschließend das Leben genommen hatte. Das Medium veröffentlichte ein Foto, auf dem das Opfer zu erkennen war. Damit verstieß es gegen Richtlinie 8.2 des Pressekodex, nach der die Identität von Opfern besonders zu schützen ist.

Drei Rügen wegen Schleichwerbung
Weil sie einen Text über ein Nutzfahrzeug erst in einer Anzeige und später wortgleich und ohne Kennzeichnung als redaktionellen Text veröffentlicht hatte, wurde die GOSLARSCHE ZEITUNG vom Beschwerdeausschuss 1 gerügt. Die Veröffentlichung verstieß gegen den im Pressekodex festgehaltenen Grundsatz der klaren Trennung von Redaktion und Werbung (Ziffer 7, Richtlinie 7.2). Der gerügte Beitrag war einen Tag zuvor bereits im Rahmen einer Anzeigen-Sonderveröffentlichung erschienen und beruhte auf einem Pressetext des Herstellers.

Jeweils eine Rüge wegen Schleichwerbung erhielten die Zeitschriften WELT DER WUNDER und TV HÖREN UND SEHEN. Beide hatten einen Artikel über Kombinations-Präparate zur Behandlung von Erkältungskrankheiten veröffentlicht und ausführlich die Vorzüge dieser Produkte dargestellt. Direkt beigestellt war den Artikeln jeweils eine Anzeige für ein Präparat, das genau die Wirkstoffe enthält, die in dem redaktionellen Beitrag positiv hervorgehoben worden waren. Der Beschwerdeausschuss 1 sah in der engen räumlichen Nähe von Anzeige und redaktionellem Beitrag Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 des Pressekodex, da die Werbewirkung der Anzeige durch die positive redaktionelle Darstellung der Wirkstoffkombination verstärkt wird.

Foto von minderjährigem Straftäter
Der Beschwerdeausschuss 1 rügte unter anderem BILD Hamburg. Die Zeitung hatte über den Mordprozess gegen einen 16-Jährigen berichtet. Der Angeklagte war in dem Beitrag mit Vornamen, abgekürztem Nachnamen und Wohnort genannt worden. Der Artikel enthielt zudem sein Porträtfoto. Über einen jugendlichen Straftäter derart identifizierend zu berichten, wertete der Ausschuss als einen schweren Verstoß gegen den Pressekodex (Ziffer 8, Schutz der Persönlichkeit, Richtlinien 8.1 und 8.3). Die Identität von Kindern und Jugendlichen genießt besonderen Schutz, auch bei schweren Straftaten.

Der Beschwerdeausschuss für den Redaktionsdatenschutz sprach eine Rüge gegen SHZ.DE aus, das Nachrichtenportal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. Gegenstand war ein Archivbeitrag aus dem Jahr 2009 über einen laufenden Mordprozess. Der Angeklagte war darin identifizierend dargestellt worden. Auch erwähnt wurde der Name seines Vaters, der sich gegen die Veröffentlichung beim Presserat beschwerte. Der Ausschuss stellte einen Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex fest. Die identifizierende Berichterstattung über den Angeklagten und dessen Vater vor Abschluss des Strafverfahrens beurteilte er als unzulässig. 

Positive Bewertungsmöglichkeit für ein Attentat
Einen Hinweis erteilte der Beschwerdeausschuss 2 dem Internet-Portal einer überregionalen Tageszeitung wegen der Verwendung einer Leiste unter dem eigentlichen Artikel, welche es den Benutzern ermöglicht hatte, den Inhalt des Beitrags mit positiven oder negativen Gefühlszuständen zu bewerten. In dem Artikel ging es um ein Attentat mit vielen Todesopfern. Die Möglichkeit, diese Nachricht auf Basis von positiven Emotionen zu bewerten, verstößt aus Sicht des Beschwerdeausschusses gegen das Ansehen der Presse gemäß Ziffer 1 des Pressekodex. Die Redaktion hätte diese Bewertungsmöglichkeit für den Artikel vorab deaktivieren müssen. Anders schätzte der Ausschuss dies bei der Verwendung des „Gefällt mir“-Knopfs unter dem Foto eines Verkehrsunfalls mit Todesopfer ein. Der „Gefällt mir“-Knopf von Facebook wird vom überwiegenden Teil der Nutzer nicht wörtlich verstanden, sondern als neutrale Möglichkeit zur Bekundung von Interesse. Presseethisch ist er somit nicht zu beanstanden.

Statistik
Die Ergebnisse: 7 öffentliche Rügen, 17 Missbilligungen, 42 Hinweise. 78 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet. 
   

Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel. 030-367007-13

11. März 2015

Presserat stellt neue Online-Richtlinien vor

Der Deutsche Presserat hat die publizistischen Grundsätze im Hinblick auf onlinespezifische Anforderungen an die Presseethik ergänzt. In seiner Sitzung am 11.03.2015 in Berlin verabschiedete das Selbstkontrollgremium neue Richtlinien und aktualisierte bereits bestehende Regelungen. „Die...mehr lesen

Überarbeitung des Pressekodex war notwendig, da durch spezifische Erscheinungs- und Veröffentlichungsformen in Online-Medien neue presseethische Fragestellungen aufgeworfen werden“, erläuterte Presseratssprecher Tilmann Kruse die Kodexergänzung. „Mit den neuen Richtlinien trägt der Presserat den Entwicklungen im Online-Bereich Rechnung.“

Einer der Schwerpunkte der Überarbeitung des Pressekodex ist der Bereich Nutzerbeiträge (User-Generated Content). Die neue Richtlinie 2.7 betont hier, dass die Presse die Verantwortung für Online-Beiträge trägt, die von Nutzern zugeliefert werden, und dass solche Inhalte klar erkennbar sein müssen. Die Redaktion muss Verstöße gegen die Presseethik beseitigen, wenn sie von diesen Kenntnis erhält.

Eine weitere Änderung gibt es in der Richtlinie 2.6. In Absatz 3 wird dort klargestellt, dass unter Pseudonym veröffentlichte Online-Nutzerbeiträge auch als Leserbrief in einer Printausgabe veröffentlicht werden können, wenn auf die Quelle hingewiesen wird. Richtlinie 3.1 schließlich hält jetzt fest, dass bei Online-Veröffentlichungen eine Richtigstellung mit dem ursprünglichen Beitrag verbunden wird bzw. dass sie, wenn sie in dem Beitrag selbst erfolgt, kenntlich gemacht wird.

Übersicht der Änderungen

Die folgenden Ziffern des Pressekodex wurden erweitert oder geändert (Änderungen sind hervorgehoben).
Die Ziffer 2 (Sorgfaltspflicht) wird im Hinblick auf Nutzerbeiträge ergänzt mit der neuen Richtlinie 2.7:

Richtlinie 2.7 – Nutzerbeiträge (User-Generated Content)
Die Presse trägt Verantwortung für ihre Angebote, auch für die von Nutzern beigesteuerten Inhalte (User-Generated Content). Von Nutzern zugelieferte Beiträge müssen als solche klar erkennbar sein.
Die Redaktion stellt die Einhaltung der publizistischen Grundsätze sicher, wenn sie Verstöße durch Nutzerbeiträge selbst erkennt oder darauf hingewiesen wird. Sofern die Redaktion einzelne Nutzerbeiträge auswählt oder sie bearbeitet, ist die Einhaltung der publizistischen Grundsätze von vornherein sicherzustellen.


Da Leserkommentare in Online-Portalen häufig auch für Print-Ausgaben genutzt werden, wurde die Richtlinie 2.6 (Leserbriefe) ergänzt, und zwar in Absatz 3:

Richtlinie 2.6 – Leserbriefe
[…]
(3) Es entspricht einer allgemeinen Übung, dass der Abdruck mit dem Namen des Verfassers erfolgt. Nur in Ausnahmefällen kann auf Wunsch des Verfassers eine andere Zeichnung erfolgen. Die Presse verzichtet beim Abdruck auf die Veröffentlichung von Adressangaben, es sei denn, die Veröffentlichung der Adresse dient der Wahrung berechtigter Interessen. Bestehen Zweifel an der Identität des Absenders, soll auf den Abdruck verzichtet werden. Bei der Übernahme von Nutzerbeiträgen (RL 2.7) als Leserbriefe können Pseudonyme beibehalten werden. Es muss jedoch auf die Quelle hingewiesen werden. Die Veröffentlichung fingierter Leserbriefe ist mit der Aufgabe der Presse unvereinbar.


In der Ziffer 3 (Richtigstellung) wird mit einer Änderung die Nachverfolgbarkeit von Änderungen an Online-Texten durch eine Anpassung der Richtlinie 3.1 sichergestellt. Dies geschieht durch einen neuen Absatz 2.

Richtlinie 3.1 – Anforderungen
(1) Für den Leser muss erkennbar sein, dass die vorangegangene Meldung ganz oder zum Teil unrichtig war. Deshalb nimmt eine Richtigstellung bei der Wiedergabe des korrekten Sachverhalts auf die vorangegangene Falschmeldung Bezug. Der wahre Sachverhalt wird geschildert, auch dann, wenn der Irrtum bereits in anderer Weise in der Öffentlichkeit eingestanden worden ist.
(2) Bei Online-Veröffentlichungen wird eine Richtigstellung mit dem ursprünglichen Beitrag verbunden. Erfolgt sie in dem Beitrag selbst, so wird dies kenntlich gemacht.


Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel. 030/367007-13

24. Januar 2015

Presserat begrüßt Medien-Kodex für Unternehmen

Der Deutsche Presserat begrüßt die Initiative des „Institute For European Affairs“ (INEA), einen Kodex für die Medienarbeit von Unternehmen zu etablieren. Der INEA-Arbeitskreis Corporate Compliance hat kürzlich eine Sammlung von Richtlinien vorgestellt, welche Verhaltensweisen von Unternehmen im...mehr lesen

Umgang mit den Medien regeln. „Der jüngst vorgestellte Kodex ist eine sinnvolle Ergänzung zu den etablierten und anerkannten ethischen Grundsätzen des Pressekodex“, so Tilmann Kruse, Sprecher des Deutschen Presserats.

Als Instanz der Freiwilligen Selbstkontrolle steht der Deutsche Presserat für das Selbstverständnis der Journalistinnen und Journalisten als unabhängige und verantwortungsvolle Berichterstatter ein. Deren professionelle Ethik vertritt und verteidigt er anhand des Pressekodex, wenn es zu Grenzüberschreitungen seitens der Medien kommt. Er kann jedoch nicht die Versuche der Einflussnahme von außen auf die Redaktionen verhindern. Deshalb ist die Initiative des INEA-Arbeitskreises Corporate Compliance positiv zu sehen. „Der Kodex für Unternehmen greift die anerkannten ethischen Grundsätze auf, die der Presserat seit Jahrzehnten verteidigt“, so Tilmann Kruse. „Die Initiative der Unternehmen ist auch ein Zeichen der Anerkennung für die gesellschaftliche Aufgabe und Bedeutung einer unabhängigen und ethisch verantwortungsvollen Presse- und Medienlandschaft“.

Der INEA-Kodex sieht unter anderem vor, dass Unternehmen sich der Wahrhaftigkeit gegenüber den Medien verpflichten, diese bei zu befürchtender kritischer Berichterstattung nicht von allgemeinen Presseterminen ausschließen und Presseanfragen grundsätzlich beantworten. Die Unternehmen verpflichten sich ferner zur Wahrung der Grundsätze der Glaubwürdigkeit und der Wahrung der Unabhängigkeit der Medien. So sollen einzelnen Journalisten keine direkten oder indirekten Vorteile gewährt werden, um die Entscheidungsfreiheit der Medien über redaktionelle Inhalte nicht zu beeinflussen.  Auch dürfen die Unternehmen einzelnen Medien aufgrund einer kritischen Berichterstattung nicht mit Werbeentzug und anderen Nachteilen drohen. Schließlich soll die Trennung von Werbung und Redaktion stets beachtet werden – eine Parallele zu Ziffer 7 des Pressekodex des Deutschen Presserats, welche die klare Trennung von Werbung und Redaktion detailliert regelt.

Eine ähnliche Regelung hat auch der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) in seine Richtlinie „PR und Journalismus“ aufgenommen. Der DRPR hat den Deutschen Kommunikationskodex für den PR-Bereich bereits im Jahr 2012 vorgestellt.

Ansprechpartner für die Presse: Oliver Schlappat, Tel. 030/367007-13