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Das Gendern ist eine redaktionelle Entscheidung

Leserin wendet sich gegen Gendern auf einer Kinderseite

Eine Großstadtzeitung veröffentlicht mehrere Beiträge, in denen die Redaktion „gegendert“ hat. Das veranlasst eine ihrer Leserinnen zu einer Beschwerde an den Presserat. Sie verweist darauf, dass ihre frühere Beschwerde zum gleichen Thema zurückgewiesen worden sei. Begründung: „Für den durchschnittlichen Leser“ sei es „hinreichend erkennbar“, „dass hier gegendert wurde“. Dieses Argument entfalle bei ihrer erneuten Beschwerde. Anlass dafür sei ein Artikel auf einer Seite, die Kinder als Zielgruppe habe. Ihre Beschwerde richte sich jedoch auch grundsätzlich gegen das Gendern auf der Kinderseite. Zur Begründung zieht die Beschwerdeführerin ihre Erfahrungen bei der Unterrichtung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Störung heran. Dabei verwende sie als Unterrichtsmaterial auch Veröffentlichungen der Zeitung. Einmal habe sie ein Kind einen Zeitungsartikel vorlesen lassen. Nach dem dritten Absatz habe sie den Jungen gefragt, welches Geschlecht die „Wissenschaftlerinnen und Politikerinnen“ hätten. Die nicht überraschende Antwort: „Frauen“. Dann fragte sie nach Stadtplanern. Das seien Männer und Frauen. Sie hätte dem Schüler erklärt, dass mit den femininen Formen im konkreten Fall auch beide Geschlechter gemeint seien. Ihre Meinung dazu habe sie ihm nicht vorenthalten. Beim Weiterlesen habe er bei der Formulierung „Berlinerinnen und Berliner“ gestutzt und gefragt, ob nicht „Berliner“ reichen würde. Der Beitrag – so die Beschwerdeführerin – genüge nicht den presseethischen Grundsätzen. Von einem durchschnittlichen Kind könne nicht erwartet werden, dass es den objektiv falschen Gebrauch einer femininen Form erkenne. In der Formulierung „Berlinerinnen und Berliner“ sehe sie zudem einen Verstoß gegen die Ziffer 12 des Pressekodex (Diskriminierungen). Das gelte jedoch nur in dem Zusammenhang, dass die Reihenfolge der femininen und maskulinen Form beim Gendern mit Doppelnennung üblich sei. Männer dürften sich wegen ihres Geschlechts diskriminiert fühlen, weil sie grundsätzlich an zweiter Stelle stünden. Die Beschwerdeführerin legt Einspruch gegen das Ergebnis der Vorprüfung ein.

Der Beschwerdeausschuss verneint Verstöße gegen presseethische Grundsätze und bestätigt damit das Ergebnis der Vorprüfung. Der Einspruch wird zurückgewiesen. Soweit die Beschwerdeführerin argumentiert, auf den Kinderseiten seien objektiv unwahre Tatsachen verbreitet worden, folgt der Ausschuss nicht dieser Bewertung. Die anderen im Einspruch angesprochenen Aspekte wurden ebenfalls bereits in der Absage behandelt. Insoweit verweisen die Mitglieder des Gremiums auf das Absageschreiben und schließen sich uneingeschränkt der Einschätzung der Vorprüfung an.