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Opfer überlebt im Musical-Theater nur knapp

Beschuldigte durften in Berichten nicht identifizierbar dargestellt werden

Zweimal berichtet eine Boulevardzeitung über die Vorwürfe bzw. die Gerichtsverhandlung gegen zwei junge Männer. Diesen – einer davon ehemaliger Spieler der Fußball-Reserve-Mannschaft eines renommierten Bundesligavereins – wirft die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag vor. Sie sollen in einem Musical-Theater einen jungen Mann über die Balustrade fünf Meter in die Tiefe geworfen haben. Das Opfer überlebte knapp. Name und Foto des ehemaligen Fußball-Spielers werden abgedruckt. Im Bericht stehen Formulierungen wie „werfen ihn“, „die Täter“ und „die Angeklagten werfen das Opfer“. Die Rechtsvertretung des Ex-Fußballers betont, dass ihr Mandant keine Person der Zeitgeschichte und der Vorgang nicht von so hohem öffentlichem Interesse sei, das eine identifizierende Berichterstattung rechtfertigen könnte. Die Veröffentlichung des Namens und des Fotos des Beschuldigten verletze deshalb dessen Persönlichkeitsrechte. In einem der Artikel seien zudem vorverurteilende Behauptungen enthalten. Die Rechtsabteilung der Zeitung räumt ein, dass die Redaktion in den Beiträgen die Grenzen der Verdachtsberichterstattung möglicherweise nicht vollständig eingehalten habe. Auch wenn die Redaktion den Fehler einsehe, so sei sie dennoch der Auffassung, dass es gravierendere Fälle einer Vorverurteilung geben könnte. Der Presserat habe bei bedeutend stärkeren Verstößen lediglich Hinweise oder Missbilligungen ausgesprochen. Die Rechtsvertretung spricht im vorliegenden Fall von verhältnismäßig milden Fällen der Vorverurteilung. (2010)

Der Beschwerdeausschuss sieht das Persönlichkeitsrecht der Angeklagten nach Ziffer 8 des Pressekodex verletzt. Er spricht eine nicht-öffentliche Rüge aus. Die Betroffenen werden durch die Berichterstattung eindeutig identifizierbar. Die Abwägung zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht der Betroffenen ergibt, dass dieses Recht höher zu bewerten ist. Auch die Tatsache, dass einer der beiden früher einmal in der Reserve-Mannschaft eines Fußball-Bundesligisten gespielt hat, rechtfertigt nicht die Nennung seines Namens und die Veröffentlichung seines Fotos. Er ist keine Person der Zeitgeschichte. Die Zeitung hat auch die in Ziffer 13 des Pressekodex definierte Unschuldsvermutung verletzt. Einzelne Formulierungen erzeugen beim Leser den Eindruck, dass die beiden Angeklagten die Tat tatsächlich begangen haben. Sie sind vorverurteilend. In Richtlinie 13.1 ist unter anderem festgehalten: „… zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.“ (0391/10/2)