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Wölfe reißen „seltene“ Bergschafe

„Erhalt gefährdeter Rassen ist künftig wohl nicht mehr möglich“

Zwei seltene Bergschafe werden im Gehege eines Forstguts in Norddeutschland von Wölfen gerissen. Die regional erscheinende Zeitung berichtet online über den Vorfall. Sie zitiert den Chef des Landesjagdverbandes: „Die Menschen in der Region sind geschockt, wenn sie angefressene, traumatisierte Schafe sehen.“ Auch der Schafhalter kommt zu Wort: „Wir haben uns extra auf den Erhalt gefährdeter Nutztierrassen konzentriert.“ Das sei in dieser Gegend wohl künftig nicht mehr möglich. Der Beschwerdeführer in diesem Fall – ein Leser der Zeitung – berichtet, er selbst habe vor Ort die Zeitungsberichte nachrecherchiert. Er spricht von dumpfer Meinungsmanipulation gegen den Wolf. Die angeblich seltenen Tiroler Bergschafe seien weitverbreitet und in Deutschland nicht als einheimische gefährdete Nutztierrasse geführt. Medien und Öffentlichkeit würden durch die Verantwortlichen arglistig getäuscht. Der Chefredakteur der Zeitung hält die Beschwerde für unbegründet. Ihr sei nicht zu entnehmen, inwieweit die Berichterstattung gegen den Pressekodex verstoßen sollte. Die Redaktion nehme die Beschwerde aber zum Anlass, in dieser Angelegenheit nochmals zu recherchieren, um das vermeintliche Wirken der Anti-Wolfslobby intensiv zu beleuchten.

Der Beschwerdeausschuss erkennt in der Berichterstattung Verstöße gegen die in Ziffer 2 des Pressekodex definierte journalistische Sorgfaltspflicht. Er spricht einen Hinweis aus. Die Gewichtung und Auswahl vorliegender Informationen sind Kernaufgaben journalistischer Arbeit. Die Leser dürfen grundsätzlich darauf vertrauen, dass ihnen alle relevanten Informationen zum berichteten Sachverhalt offengelegt werden. Es liegt aber weitgehend im Ermessen der Redaktion, in welcher Tiefe sie ein Thema recherchiert. Sofern die Redaktion eigene Tatsachenbehauptungen vornimmt, müssen diese stimmen. Das ist aber nicht der Fall, wenn die Redaktion behauptet, bei den betroffenen Bergschafen handele es sich um eine seltene Rasse. Tatsächlich ist öffentlich zugänglichen Quellen zu entnehmen, dass die Bergschafe nicht als gefährdete Nutztierrasse gelten. In Österreich sind sie gar die am weitesten verbreitete Schafrasse.