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Opfer eines Familiendramas im Bild gezeigt

Tote sind für einen großen Personenkreis identifizierbar

„Familiendrama in (…): Leiche des Vaters geborgen“ titelt die Online-Ausgabe einer Regionalzeitung. Im Beitrag geht es um eine Familientragödie, bei der in einem Haus eine Frau sowie die 17-jährige Tochter und der 22 Jahre alte Sohn tot aufgefunden wurden. Der Ehemann und Vater wurde einige Tage später tot aus einem See geborgen. Eine Fotostrecke zeigt Taucher bei der Arbeit sowie Fotos der getöteten Kinder und auch ein Bild des Ehepaares. Der Beschwerdeführer kritisiert einen Verstoß gegen die Richtlinie 8.1 des Pressekodex, wonach Opfer Schutz vor Identifizierung haben. Die Opfer würden im Bild gezeigt. Auch deren Wohnort werde genannt. Die Chefin vom Dienst der Zeitung berichtet von dem großen Medienecho, das der Fall ausgelöst habe. Die nächtliche Durchsuchung des Wohnhauses durch die Polizei habe unter starker Anteilnahme der Bevölkerung stattgefunden. Die Zeitung habe ausführlich, aber nicht reißerisch über den Fall berichtet und die Ereignisse sachlich dargestellt. Die Veröffentlichung der Fotos sei von der Polizei begrüßt worden, da anfangs die Befürchtung bestanden habe, dass der Vater verschleppt worden sei. Mit Hilfe der Porträtfotos aller Opfer sei die öffentliche Fahndung unterstützt worden. Sie würden durch die Darstellung nicht diskreditiert.

Die Veröffentlichung der Details aus dem Familiendrama geht über das öffentliche Interesse hinaus. Insbesondere das Foto des minderjährigen Opfers, aber auch jene der Eltern und des Bruders, machen die komplette Identifizierung aller möglich. Das ist ein Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex (Persönlichkeitsrechte). Der Presserat spricht eine nicht-öffentliche Rüge aus. Da zudem in der Fotostrecke das Haus der Familie mit Adressenangabe gezeigt wird, werden die Opfer für einen großen Personenkreis erkennbar gemacht. Das Argument der Redaktion, der Fall habe ein großes Medienecho gefunden, reicht nicht aus, um im Nachgang noch alle Fotos und andere Details zu veröffentlichen. Die Haltung des Presserats in dieser Frage ist eindeutig: Fahndungsfotos dürfen in der Regel im Nachgang nicht mehr abgedruckt werden. Eine Ausnahme wären besondere Umstände, die hier jedoch nicht vorliegen. Einen besonders schweren Verstoß sieht der Presserat darin, dass eines der Opfer minderjährig war.