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Atomkraft als Lösung des Klima-Problems?

Greta Thunberg gibt IPCC-Ansicht wieder und korrigiert sich selbst

Eine Wirtschaftszeitung veröffentlicht online unter der Überschrift „Wir brauchen eine ernsthafte, tabufreie Klimapolitik“ einen Gastkommentar des ehemaligen Chefs des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Dieser kritisiert die aktuelle Energiepolitik und schreibt unter anderem: „So kann Deutschland ausländischen Atomstrom kaufen oder selbst neue Kernkraftwerke bauen. Schweden hat bereits 2016 den Ausstieg aus dem Atomausstieg verkündet. Auch Greta preist die Atomkraft als Lösung des Klimaproblems.“ Ein Leser der Zeitung kritisiert, Hans-Werner Sinn behaupte im Artikel: „Auch Greta preist die Atomkraft als Lösung des Klimaproblems.“ Gemeint sei Greta Thunberg, die exakt diese Unterstellung schon mehrfach zurückgewiesen habe. Die Rechtsvertretung der Zeitung nimmt zu der Beschwerde Stellung. Ursprünglich habe Greta Thunberg in einem Facebookposting erklärt, dass Atomenergie „ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung“ sein könne. Es handele sich um eine Position, die ein beträchtlicher Teil der Experten aus Wirtschaft und aus dem Energiesektor bereits seit geraumer Zeit vertreten. Einige Tage später sei dieser Facebookeintrag dahingehend geändert worden, dass es anschließend geheißen habe: „Persönlich bin ich gegen Atomkraft. Aber laut dem IPCC (Weltklima-Rat) kann sie ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung sein." Dazu habe Greta Thunberg erklärt, sie habe „die kleine Änderung gemacht, weil einige Leute - sogar Zeitungen – meine Worte immer auf die Goldwaage legen und Teile der Sätze, die ich schreibe, weglassen.“ Auch nach der Korrektur ihres Postings publiziere Greta Thunberg weiterhin die Ansicht des IPCC, dass Atomkraft ein Teil einer kohlenstofffreien Energielösung sein könne.

Der Presserat erkennt in der Berichterstattung einen Verstoß gegen die in Ziffer 2 des Pressekodex definierte journalistische Sorgfaltspflicht. Er spricht eine Missbilligung aus. Der Beschwerdeausschuss stuft die Aussage „Auch Greta preist die Atomkraft als Lösung des Klimaproblems“ als erkennbare Über- und Fehlinterpretation des Gastautors ein. Die Zeitung ist presseethisch auch für Beiträge von Gastautoren verantwortlich. Sie hätte daher geeignete Maßnahmen ergreifen müssen, eine Irreführung der Leser auszuschließen, die allein schon durch die Formulierung „preist“ bewirkt werden kann. Dies hätte beispielsweise durch eine erläuternde Korrektur der entsprechenden Passage des Meinungsbeitrages geschehen können.