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Diskussion über Corona-Infektionen

75 Jahre Sieg der Sowjetunion über Deutschland Anlass für Parade

Eine Nachrichtenagentur veröffentlicht eine Meldung unter der Überschrift „Riesige Militärparade trotz Corona“. Mit der Parade erinnere Russland an den Sieg der Sowjetunion über Deutschland vor 75 Jahren. Der letzte Satz lautet: „Dass die Parade trotz weiterhin steigender Coronainfektionszahlen abgehalten wurde, hatte vor allem bei Oppositionsvertretern für Kritik gesorgt.“ Der Beschwerdeführer in diesem Fall merkt an, es sei falsch, dass in Russland und/oder Moskau die Zahl der Corona-Infektionen steige. Richtig sei, dass der Höchststand der Neuinfektionen in Russland und Moskau Wochen vor dem Zeitpunkt der Berichterstattung erreicht worden sei. Seither seien die Zahlen zurückgegangen. Die Beschwerde richtete sich ursprünglich gegen eine veröffentlichende Redaktion. Diese hatte sich in ihrer Stellungnahme auf das Agenturprivileg berufen. Reaktion des Presserats: Die Beschwerde gegen die Redaktion wurde als unbegründet bewertet. Das Verfahren wurde gegen die Nachrichtenagentur fortgeführt. Deren Chefredaktion bleibt bei ihrer Darstellung. Die Aussage, dass die Zahl der Corona-Infektionen in Russland zu diesem Zeitpunkt weiter steige, sei richtig, denn jeden Tag habe sich die Zahl der Infizierten in Russland um mehrere tausend Fälle erhöht. Die Zahl der Neuinfektionen, also das Wachstum, sei dabei tatsächlich von Tag zu Tag zurückgegangen: Von 7728 auf 7176 an drei aufeinanderfolgenden Juni-Tagen im Jahr 2020. Das mache die obengenannte Aussage aber nicht falsch, denn die Gesamtzahl der Corona-Fälle in Russland habe sich erhöht und sei im Juni auf über 600.000 gestiegen.

Der Beschwerdeausschuss erkennt keinen Verstoß gegen die in Ziffer 2 des Pressekodex festgeschriebene journalistische Sorgfaltspflicht. Er erklärt die Beschwerde für unbegründet. Im Ausschuss wird die Frage intensiv diskutiert, ob die Darstellung durch die Agentur für die Leser irreführend ist. Aus Sicht eines Teils der Mitglieder ist eher anzunehmen, dass die Leser die Angabe auf die Anzahl der Corona-Neuinfektionen beziehen. Denn da die Gesamtzahl der Corona-Infektionen nur steigen kann, ist eine Hervorhebung dieses Umstandes durch die Agentur für die Leser als eher unwahrscheinlich zu bewerten. Letztlich sieht die Mehrheit des Gremiums keinen Sorgfaltspflicht-Verstoß.