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„Das wäre ein nationaler Notfall“

Wochenzeitung berichtet über Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft

Eine Wochenzeitung berichtet unter der Überschrift „Die Rache aus dem Stall“ über die Zunahme von Infektionen durch multiresistente Keime. Der Autor sieht die Ursache in der Massentierhaltung. Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums sterben bis zu 15.000 Menschen pro Jahr an Infektionen. In viehreichen Gebieten seien fast 80 Prozent der Landwirte mit solchen gefährlichen Keimen besiedelt. Bauern würden Antibiotika ins Trinkwasser der Tiere kippen. Der massive Antibiotika-Einsatz biete den idealen Nährboden für multiresistente Keime. Besonders betroffen von der Kolonisierung mit Keimen seien Landwirte, Veterinäre, aber auch ökologisch lebende Naturfreunde, die Eier und Milch direkt auf dem Hof kaufen. Der Vorsitzende der britischen Sepsis-Stiftung habe für Großbritannien – so die Zeitung weiter – ein Szenario vorgestellt, wonach die Zahl der Todesopfer durch bakterielle Infektionen um das Zehnfache steigen könnte, innerhalb von drei Jahren auf eine Million. Das wäre ein nationaler Notfall, vergleichbar mit einem Terrorangriff. Schuld sei das System, denn keine Lobby in Deutschland sei so mächtig wie die Interessenvertreter der Agrarindustrie. Der Autor erwähnt das Beispiel einer Patientin, die wegen einer Harnwegserkrankung beim Arzt gewesen sei. Dieser habe zunächst ein Medikament, dann fünf andere verschrieben. Insgesamt hätten 20 Medikamente nicht geholfen. Die Frau sei verstorben. In einem später veröffentlichten Leserbrief habe der Arzt klargestellt, die Medikamente seien nicht nacheinander verschrieben worden. Vielmehr seien 19 im Labor getestet worden, von denen nur eines verwendbar gewesen sei. Ein Leser der Zeitung wirft dieser vor, mit dem Artikel entehrende und menschenverachtende Inhalte zu verbreiten, die Landwirte und Tierärzte diskriminierten. Die Feststellung, dass Landwirte und Tierärzte größtenteils mit resistenten Keimen besiedelt seien, sei eine schwerwiegende Stigmatisierung dieser Berufsgruppen. Als Konsequenz werde die soziale Isolierung dieser Berufsgruppen empfohlen. Da der Autor auch dazu rate, Hofläden und landwirtschaftliche Betriebe im Allgemeinen großräumig zu meiden, werde gegen mehrere presseethische Grundsätze verstoßen. Mit der Behauptung, es würden einfach Antibiotika ins Trinkwasser der Tiere gekippt, beschuldige die Zeitung die Landwirte pauschal des Rechtsbruchs. Seit 2006 sei der Antibiotika-Einsatz nur noch nach Diagnose durch den Tierarzt erlaubt, nicht jedoch präventiv. Die Erwähnung des britischen Szenarios und der Vergleich mit einem Terrorangriff sei ein Verstoß gegen Ziffer 14 des Pressekodex (Medizinberichterstattung). Die Rechtsvertretung der Zeitung weist auf mehrere Studien hin, wonach Landwirte und Tierärzte deutlich häufiger mit resistenten Keimen besiedelt sind. Allein 2013 seien in Deutschland laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 1.452 Tonnen Antibiotika an Tiere verabreicht worden. Die Rechtsvertretung wendet sich abschließend gegen die Behauptung des Beschwerdeführers, die Redaktion fordere eine Isolation der betroffenen Berufsgruppen. Dies sei schlicht eine unanständige Unterstellung.

Der Beschwerdeausschuss sieht in der Veröffentlichung einen Verstoß gegen das Gebot der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex; er spricht einen Hinweis aus. Die erfolglose Behandlung einer Patientin mit 20 verschiedenen Antibiotika entspricht nicht den Tatsachen. Hier hat der Autor die zur Veröffentlichung bestimmten Informationen nicht mit der gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Richtig ist, dass 19 Medikamente im Labor überprüft worden seien. Nur eines war verwendbar. Dennoch ist die Patientin verstorben. Darüber hinaus erkennte der Presserat keine weiteren Verstöße gegen den Pressekodex. (1037/14/2)