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Zahlende Griechen einfach weggelassen

Wörtliche Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden

„Schockaussage von Ex-Griechen-Minister kurz vor Merkel-Besuch: ´Die Deutschen werden leider zahlen und zahlen und zahlen…´“. Finanzminister Varoufakis der radikal-linken Syriza-Regierung auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Jahr 2015 rechne jetzt knallhart ab und prophezeie den deutschen Arbeitern und Mittelständlern schlimme Zeiten. Profiteure der Krise seien dagegen Deutsche und griechische Oligarchen, die laut Varoufakis immens vom Rettungspaket des griechischen Staates profitiert hätten. Ein Leser der Zeitung kritisiert die Redaktion. Sie habe den Finanzminister falsch bzw. unvollständig zitiert. Er zitiert die Varoufakis-Aussage im englischen Original. Anders als die Redaktion es darstelle, gehe es Yanis Varoufakis offensichtlich nicht um einen vermeintlichen Konflikt zwischen den zahlenden Deutschen und den kassierenden Griechen, sondern um die deutschen oder griechischen Oligarchen – also die Profiteure – auf der einen Seite und die deutschen oder griechischen Arbeiter und Mitglieder der Mittelschicht, - also die Zahlenden – auf der anderen. Die Griechen, die laut Varoufakis ebenfalls „zahlen und zahlen und zahlen“, habe die Redaktion einfach weggelassen.

Der Beschwerdeausschuss erkennt in der Überschrift „Die Deutschen werden leider zahlen und zahlen und zahlen“ eine Verletzung der in Ziffer 2 des Pressekodex definierten journalistischen Sorgfaltspflicht. Er spricht eine öffentliche Rüge aus. Aus dem Artikel geht hervor, dass das Zitat in der Form, wie es in der Überschrift veröffentlicht wurde, nicht gefallen ist. Nach geltender Spruchpraxis des Presserats ist es presseethisch jedoch geboten, dass in Zitatzeichen nur das wiedergegeben wird, was wortwörtlich von dem Zitierten so geäußert wurde. Wörtliche Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden. Im konkreten Fall kommt erschwerend hinzu, dass in der Überschrift eine Irreführung der Leserschaft vorliegt, da Varoufakis nicht „Die Deutschen“ allgemein meinte, sondern bestimmte soziale Gruppierungen in Deutschland und in Griechenland. Damit wird ein klar identifizierbares Originalzitat manipuliert. Dieser Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot nach Ziffer 1 des Kodex wird durch die nachträgliche Änderung in „Deutsche Arbeiter werden ´leider zahlen und zahlen und zahlen´“ immer noch nicht wahrheitsgemäß wiedergegeben. Vor dem Hintergrund der hohen politischen Relevanz der zitierten Aussage wertet der Beschwerdeausschuss den Verstoß gegen die Ziffern 1 und 2 des Pressekodex als besonders schwerwiegend.