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Intimsphäre

Eine Zeitschrift berichtet über ein Strafverfahren, in dem sich ein 25jähriger wegen Widerstands gegen zwei Polizeibeamte verantworten muss. Der Mann war handgreiflich geworden, nachdem seine Freundin während eines Streits mit ihm die Polizei um Hilfe gerufen hatte. Die Überschrift des Beitrags lautet »Eifersuchtsszene um schöne Pariserin - Polizei im Schlafzimmer«. Im Vorspann wird einem der beteiligten Polizisten »Beamtenpech« zugestanden: »Sein Aufenthalt im Schlafzimmer vergangenen Sommer war rein dienstlicher Natur... «. Die beteiligte Frau wird als »dunkelhaarige Marianne (24) mit dem unergründlichen Madonnengesicht«, an anderer Stelle als »engelsgleiche Studentin aus Paris«, die »jede Menge Verehrer« gehabt habe, beschrieben. Die Betroffene beschwert sich beim Deutschen Presserat. Ein alltägliches Strafverfahren werde auf ihre Kosten zu einer schlüpfrigen Schlafzimmergeschichte aufgebauscht, die sexuelle Phantasmen und frauenfeindliche Bilder verbreite. Der Artikel sehe über ihre menschliche Not hinweg und ziehe sie stattdessen ins Lächerliche, ohne ihre Anonymität zu wahren. (1992)

Der Deutsche Presserat erteilt der Zeitschrift eine nicht-öffentliche Rüge, weil mit diesem Eingriff in die Privats- und Intimsphäre der Beschwerdeführerin gegen Ziffer 8 des Pressekodex verstoßen worden ist. Durch die Angabe persönlicher Daten und Merkmale, ist die Betroffene zumindest für einen begrenzten Personenkreis identifizierbar geworden. Vor dem ernsten Hintergrund des Sachverhalts erscheint dem Presserat die Formulierung »Beamtenpech: Sein Aufenthalt im Schlafzimmer ... war rein dienstlicher Natur« geeignet, die Gefühle der Betroffenen zu verletzen. Die Argumentation der Redaktion, die süffisante Bemerkung »Beamtenpech« beziehe sich deutlich erkennbar auf die zögernde Aussage des Beamten vor Gericht zu diesem Ereignis, sieht der Presserat durch die Veröffentlichung nicht gedeckt.

(B 15/92)