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Vertraulichkeit

Mängel in drei namentlich genannten Atomkraftwerken sind das Thema eines Zeitungsberichts. Vom Pfusch beim Reaktorbau, von Manipulation und Suff ist die Rede. Zitiert wird der ehemalige Koordinator für Sicherheitsüberprüfungen, der sich aus Gewissensgründen bei der Redaktion gemeldet hat., um auf gravierende Mängel bei der Sicherheit hinzuweisen. Sein Foto wird veröffentlicht, sein Vorname, sein abgekürzter Nachname und sein Alter werden genannt. Damit sei er bewusst Risiken ausgesetzt worden, heißt es in einer Beschwerde beim Deutschen Presserat. Die Zeitung habe zugesichert, dass er als Informant ungenannt bleibe. Die Redaktion bestreitet das. Das Foto sei mit dem Einverständnis des Betroffenen gemacht worden. Und die später gegebene Zusage, den vollen Namen nicht zu erwähnen, sei an die Bereitschaft des Informanten gekoppelt gewesen, eine eidesstattliche Erklärung zu seinen Vorwürfen abzugeben. Diese Erklärung habe die Redaktion nicht erreicht. (1993).

Der Presserat ahndet den Fall mit einer nichtöffentlichen Rüge. Die Zeitung habe dem Betroffenen vor Veröffentlichung schriftlich Vertraulichkeit zugesichert. Die dennoch erfolgte Veröffentlichung mit den identifizierbaren persönlichen Angaben verstößt gegen Ziffer 5 des Pressekodex. Danach ist die bei einem Informations- und Hintergrundgespräch vereinbarte Vertraulichkeit grundsätzlich zu wahren. Der Presserat berücksichtigt bei seiner Entscheidung dem Hinweis der Redaktion, dass die später gegebene Zusage, den vollen Namen nicht zu erwähnen, gekoppelt gewesen sei an die Bereitschaft des Informanten, eine eidesstattliche Erklärung zu den Vorwürfen abzugeben. Auch wenn diese Erklärung die Redaktion tatsächlich nicht erreicht hat und dem Sicherheitsexperten hätte bekannt sein müssen, dass die Redaktion auf die Veröffentlichung der enthüllenden Vorgänge nicht verzichten würde, vermag dies den Vorwurf der Verletzung des publizistischen Grundsatzes der Beachtung der Vertraulichkeit nicht zu entkräften. Die Redaktion hätte die Bedingung, unter der die Vertraulichkeit zugesichert wurde, in der Zusicherung erwähnen und damit schriftlich auf die Koppelung hinweisen müssen. Der Presserat empfiehlt der Zeitung, bei Sachverhalten der vorliegenden Art künftig sensibler mit den Interessen von Informanten umzugehen. (B 18/93)