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Überschrift irreführend

Eine Boulevardzeitung berichtet unter der Überschrift "Freispruch! Das 'Opfer' hat die Misshandlungen nur erfunden" über eine Gerichtsverhandlung gegen einen Mann wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen. Der Fall liegt zum Zeitpunkt der Verhandlung bereits acht Jahre zurück. Die Rechtsvertretung des Opfers teilt mit, dass die Überschrift falsch ist und beschwert sich beim Presserat. Der Betroffene sei keineswegs freigesprochen, sondern zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden. Zudem werde in dem Beitrag der Vorname und abgekürzte Nachname der Frau sowie ihr Wohnort genannt wird, was sie identifizierbar mache. Gleichzeitig sieht der Anwalt in der Veröffentlichung eines acht Jahre alten Fotos der jungen Frau eine Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts. Die Zeitung gibt in ihrer Stellungnahme zu, dass die Überschrift in der Tat auf den ersten Blick irreführend sei. In dem Artikel selbst werde allerdings durchaus mitgeteilt, dass gegen den Angeklagten ein Urteil wegen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen ergangen ist. Allerdings sei die Vollstreckung in der Tat zur Bewährung ausgesetzt worden. Die Zeitung führt weiter aus, dass im Verlaufe des Prozesses die betroffene junge Frau eingeräumt habe, dass die vor Jahren stattgefundenen geschlechtlichen Beziehungen wie auch die Fotoaufnahmen nicht gegen ihren Willen stattgefunden hätten und die Misshandlungen frei erfunden waren. Daher sei das Wort Opfer in Anführungszeichen gesetzt worden. (2002)

Der Beschwerdeausschuss erkannte in der Überschrift eine falsche Tatsachenbehauptung im Sinne der Ziffer 2 Pressekodex, da der Angeklagte nicht freigesprochen, sondern zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden war. Dies gehe zwar aus dem Artikel hervor, aber auch Überschriften müssen Sachverhalte richtig wiedergeben. Der Beschwerdeausschuss erklärt die Beschwerde für begründet und spricht eine nicht-öffentliche Rüge aus. Der Beschwerdeausschuss kritisierte zudem, dass das Wort "Opfer" in Anführungszeichen gesetzt wurde. Dies geschah sowohl in der Überschrift als auch im Text. Mit dieser Kennzeichnung wird beim Leser der falsche Eindruck erzeugt, als sei die Betroffene gar kein Opfer gewesen. Dass sie es aber doch war, beweist die Strafe für den Angeklagten. Der Ausschuss erkannte zudem eine Verletzung der Ziffer 8, Richtlinie 8.1, Absatz 1 darin, dass die Betroffene durch Angaben wie den Vornamen, abgekürzten Nachnamen, Alter und Wohnort zumindest für einen bestimmten Personenkreis identifizierbar werde. Aufgrund dieser Angaben sei es deshalb nach Meinung des Ausschusses durchaus möglich, dass die junge Frau erkennbar werde und somit Dritte den Vorgang einer konkreten Person zuordnen können. Dies stellt einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre der Betroffenen dar.(B 35/02)