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Gerichtsberichterstattung

Eine Boulevardzeitung berichtet unter Nennung des Namens der Betroffenen und unter Angaben des Arbeitsortes über ein verwaltungsgerichtliches Verfahren. Es geht darum, ob eine Iranerin; die seit 20 Jahren als Fachärztin in Deutschland arbeitet, ihre ärztliche Zulassung verliert. Bei der Bearbeitung ihrer Aufenthaltsgenehmigung waren den Beamten Ungereimtheiten im Lebenslauf der Frau aufgefallen. Deshalb wird in dem Text die Frage gestellt, ob die Frau wirklich Medizinerin oder nur eine Betrügerin sei. Die Überschrift lautet »Falsches Alter, falscher Name - Ärztin vor Gericht«. Die Betroffene wendet sich an den Deutschen Presserat. Die Angabe ihres Namens, ihres Alters und ihres Arbeitsortes verstoße gegen das Persönlichkeitsrecht. Beim Leser werde der Eindruck erweckt, sie könne eine Betrügerin sein. Die Zeitung erklärt, ihr Gerichtsreporter habe korrekt berichtet. Die beiden Anwälte der Beschwerdeführerin hätten in der Verhandlungspause ihre Mandantin überredet, sich von dem Fotografen ablichten zu lassen. Obwohl die Ärztin gegen eine Fotografie gewesen sei, hätten sich die Anwälte nicht gegen ein volles Ausschreiben des Namens ausgesprochen. (1994)

Der Presserat ist der Ansicht, dass die Zeitung gegen Ziffer 8 des Pressekodex verstoßen hat, und erteilt ihr eine nicht-öffentliche Rüge. Da es sich in dem vorliegenden Fall um keine Person der Zeitgeschichte handelt, hätte die Zeitung bei einer Abwägung der Rechtsgüter zu dem Ergebnis kommen müssen, identifizierbare Angaben wie Namen und Arbeitsort zu unterlassen. Die Veröffentlichung des Ortes der Praxis gefährdet darüber hinaus - auch für den Fall, dass sich nach 20 Jahren praktischer Tätigkeit herausstellen sollte, dass sie die Approbation zu Unrecht erhielt - die aktuelle berufliche Existenz der Betroffenen. (B 37/94)