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Sportsprache

Eine Boulevardzeitung berichtet über das Ergebnis des Fußball-Weltmeisterschaftsspiels zwischen Deutschland und Jugoslawien, das Deutschland mit 4:1 gewonnen hat. Die Schlagzeile lautet »Deutschland fantastico! - Matthäus erschoß die Jugos - 4.1«. Über diese Schlagzeile beschweren sich vier Personen, darunter ein Journalist und ein Jurist: Sie sei ein Indiz neofaschistischer Propaganda und menschenverachtend. (1990)

Der Deutsche Presserat trifft keine Entscheidung darüber, ob die Beschwerde begründet oder unbegründet ist. Hier geht es nicht um die Frage, ob der Pressekodex verletzt ist, sondern um eine Bewertung der Qualität des angewandten Sprachstils. Sprachregelungen jedoch werden vom Deutschen Presserat nicht getroffen. Er nimmt jedoch den vorliegenden Fall zum Anlass, in der folgenden öffentlichen Erklärung die Presse auf die gefährliche Wirkung »roher« Formulierungen in der Sportberichterstattung hinzuweisen: Der Deutsche Presserat wird immer wieder mit Beschwerden über die rohe Sprache in der Sportberichterstattung konfrontiert. Grundsätzlich lehnt er es ab, Kritik an der Qualität des in der Sportberichterstattung angewandten Sprachstils in Sprachregelungen umzusetzen. Neuerliche Beschwerden über »rohe« Formulierungen, besonders in einigen Berichten über die Fußball-Weltmeisterschaften '90, veranlassen ihn jedoch zu einem Appell an die betroffenen Autoren, sich ihrer Verantwortung für die Wertung und Einschätzung des Sports in der Öffentlichkeit bewusst zu sein. Diese Verantwortung schließt den Verzicht auf Begriffe ein, die Gewalttätigkeit, Brutalität und Menschenverachtung ausdrücken und niedrige Instinkte der Leser ansprechen. Gemeint ist damit ein Vokabular des erbarmungslosen, zermürbenden Kampfes, der bis zur völligen Aufreibung und Vernichtung geht, in dem der Gegner nicht mehr Mitspieler, sondern Objekt ist, das »ausgeschaltet« werden muss. Der Deutsche Presserat verweist in diesem Zusammenhang auf viele gute Beispiele in der Sportberichterstattung dafür, dass Leistung, Kampf und Dramatik nuancenreich auch in Sprachbildern dargestellt werden können, die ohne Verzicht auf Emotionalität auch das Spielerische im Sport betonen. (B 44/90)