Entscheidungen finden

Fotomontage ohne Erläuterung

Auf dem Bild einer Wagenburg sind vermummte Gestalten zu sehen

Unter der Überschrift „Wo sich Randale richtig lohnt“ berichtet eine Boulevardzeitung über die Auflösung einer heruntergekommenen Wohnwagensiedlung und eine neue Unterbringungsmöglichkeit für die Bewohner. Jahrelang hätten die Leute Nachbarn, Polizei und die ganze Stadt genervt. Jetzt bekämen die Randalierer schicke Sozialwohnungen. Der Stadtbezirk sei verpflichtet, den Bewohnern von 15 Bauwagen, die auf der legal ausgewiesenen Fläche stehen, neue Unterkünfte zu besorgen. Die Bewohner der 45 Fahrzeuge, die sich inzwischen illegal angesiedelt hätten, müssten selber suchen. Dem Beitrag sind unter der Überschrift „Hier sollen sie hin !“ zwei Fotos einer neuen Wohnung beigestellt. Unter der Überschrift „Hier kommen sie her !“ wird ein Foto der Wagenburg mit vermummten Gestalten gezeigt. In der Unterzeile dazu wird erläutert: „Vermummte Alternative kämpften 1994 gegen die Räumung. Ergebnis: 22 verletzte Polizisten“. Die Grünen-Sprecherin für Stadtentwicklung und Migrationspolitik ruft den Presserat an. Die vermummten Gestalten seien in das Foto der Wagenburg hineinkopiert worden. Ferner zeigten die beiden kleineren Fotos nicht eine Wohnung in dem Haus, das als Ausweichquartier für die Bewohner der Wagensiedlung vorgesehen sei. Die Redaktionsleitung gesteht ein, dass die Vermummten in das Foto von der Siedlung hineinkopiert worden seien. Die Darstellung beziehe sich auf das Jahr 1994, was auch aus der Bildunterzeile hervorgehe. Damals hätten Vermummte gegen die Räumung der Wagen gekämpft und Polizisten verletzt. Der Fotoinhalt stehe also in unmittelbarem Zusammenhang mit den Wohnwagen. Das Foto gebe die Verteidigung der Wohnwagen durch die Vermummten zutreffend wieder. Im Rahmen der damaligen Eskalation seien konkrete Fotos nicht möglich gewesen. Im Text des Beitrages werde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Baubehörde prüfe, ob ein bestimmtes Jugendstilhaus für die Chaoten hergerichtet werden solle. Damit sei eindeutig klargestellt, dass es sich bei der abgebildeten Wohnung nicht um eine Wohnung in dem genannten Haus handele. In Bezug auf diese Fotos werde festgestellt, dass die neuen Sozialunterkünfte so aussehen könnten. (2002)

Der Presserat beantwortet die Beschwerde mit einer öffentlichen Rüge. Wie die Zeitung in ihrer Stellungnahme einräumt, wurden die Vermummten in das Foto, das die Wohnwagensiedlung zeigt, hineinkopiert. Der Richtlinie 2.2 folgend, wäre es deshalb notwendig gewesen, in der Unterzeile die Leserinnen und Leser darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine Fotomontage handelt, da das Bild vom flüchtigen Leser durchaus als dokumentarische Abbildung aufgefasst werden könnte. Das Gremium kritisiert zudem die Veröffentlichung der beiden Wohnungsfotos in Kombination mit dem Hinweis „Hier sollen sie hin !“. Beim Leser entsteht dadurch der falsche Eindruck, als handele es sich bei der abgebildeten Wohnung genau um die Unterkunft, in welche die Siedlungsbewohner umziehen sollten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass in dem Text darauf hingewiesen wird, dass ein bestimmtes Jugendstilhaus für die Chaoten hergerichtet werden soll. Mit dem Hinweis „Hier sollen sie hin!“ wird klar ausgesagt, dass die Betroffenen in genau diese Wohnung einziehen sollen. (B 65/02)

(Siehe auch „Fotoretusche ohne Erläuterung“ B 117/02)