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Tierschutz

In vier Folgen enthüllt eine Zeitschrift den Pfusch in deutschen Tierarztpraxen. U.a. behauptet sie, von den rund drei Millionen Hunden, die im Jahr ärztlicher Hilfe bedürften, würde Schätzungen von Experten zufolge die Hälfte falsch behandelt. Unter der Schlagzeile “Skandal” wird eine Vielzahl ärztlicher Kunstfehler ausführlich dargestellt. Und “Abzockertricks” werden aufgedeckt. Die Tierfreunde werden aufgeklärt, wie sie sich und ihre Lieblinge vor Fallen bei Medikamenten, Untersuchungen und Eingriffen schützen können, was der Doktor berechnen darf. Unter Verzicht auf bestimmte Fakten sind der Serie Auszüge aus der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) beigestellt. Die Bundeskammer der Tierärzte beschwert sich beim Deutschen Presserat. Der gesamte Berufsstand werde hier pauschal diskriminiert. Bei den Besitzern der Tiere würden unbegründete Befürchtungen geweckt. Durch eine falsche Darstellung der GOT komme zudem der Verdacht auf, viele Tierärzte würden für ihre Dienstleistungen zuviel Geld verlangen. Die Rechtsabteilung des Verlages räumt in ihrer Stellungnahme ein, dass die in den beiden ersten Folgen enthaltenen Angaben zur GOT unvollständig gewesen seien. Dieser Fehler sei jedoch in einer erneut abgedruckten Tabelle mit entsprechenden Erläuterungen berichtigt worden. Die aufgezählten Fälle von Pfusch seien “seriöse Schätzungen” auch zweier Tierschutzorganisationen. In der Serie werde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um Schätzungen und nicht um empirisch exakte Zahlen handele. Der möglicherweise entstehende Eindruck, viele Tierärzte seien “Pfuscher” oder “Abzocker”, sei eine reine Frage der Bewertung. In der Artikelserie werde wiederholt erwähnt, dass die Vorwürfe nicht alle Tierärzte, nicht einmal die Mehrzahl beträfen. Zwei Zitate werden als Beispiele angeführt: “Klar, die Mehrzahl will heilen, helfen. Doch es gibt Pfuscher...” und “Nein, wir wollen keine Panik verbreiten. Die meisten Tierärzte leisten gute Arbeit, aber es gibt leider viele Gegenbeispiele”. (1996)

Der Presserat hält die Beschwerde für begründet und missbilligt die Veröffentlichung. Er bemängelt die beiden Behauptungen “Rund 3 Mio. Hunde werden in Tierarztpraxen pro Jahre behandelt. Experten schätzen: Darunter ca. 1,5 Mio. Kunstfehler” sowie “z.B. wird bei ca. 1,5 Mio. Behandlungen an Hunden geschlampt, viele Eingriffe unnötig”. An keiner Stelle der Artikelserie wird ein Beleg dafür gebracht, dass diese beiden – für die Gesamtaussage bedeutsamen – Tatsachenbehauptungen zutreffen. Der Presserat beurteilt sie daher als unbewiesene Tatsachenbehauptungen zu Lasten Dritter und erkennt in ihnen einen Verstoß gegen Ziffer 2 des Pressekodex. Die falsche Darstellung der Gebührenordnung für Tierärzte hat die Zeitschrift in einem nachfolgenden Serienteil korrigiert. Diesen Teil des Vorwurfs sieht der Presserat in ausreichender Weise in Ordnung gebracht. (B 73/96)

(Siehe auch B 117/97 “Fotos”, “Gewalt gegen Tiere” und “Krankheit”)