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Interview

Redakteurin bestreitet, unter falscher Flagge interviewt zu haben

Eine arbeitslose und allein erziehende Mutter von zwei Kindern ist vom Sozialamt gezwungen worden, ihre Lebensversicherung mit erheblichen Verlusten vorzeitig zu verkaufen. Die Feststellung des Verwaltungsgerichtshofs, dass der vom Sozialamt ausgeübte Druck mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso sinnlos wie rechtswidrig gewesen ist, veranlasst eine Boulevardzeitung, über den Vorgang zu berichten. Die betroffene Frau wird mit ihrem Vornamen und dem Anfangsbuchstaben ihres Familiennamens genannt. Ein Foto zeigt sie mit ihren beiden Kindern. Der Anwalt der Betroffenen ruft den Deutschen Presserat an. Die Autorin des Beitrages habe sich an ihn gewandt und sich als Mitarbeiterin einer Obdachlosenzeitung ausgegeben. Er habe seiner Mandantin von dem Anruf berichtet. Als er merkte, dass auch ihr die Obdachlosenzeitung ein Begriff ist, habe er sie darin bestärkt, die Autorin zurückzurufen und sich für ein Interview zur Verfügung zu stellen. Seine Mandantin habe dies getan und auch ihr gegenüber habe die Autorin betonte, sie sei Mitarbeiterin der Obdachlosenzeitung. Am nächsten Tag habe seine Mandantin dann feststellen müssen, dass der Inhalt des Gesprächs nicht in der Obdachlosenzeitung, sondern in der Boulevardzeitung wiedergegeben worden sei. Der Anwalt betont, dass seine Mandantin der Autorin kein Interview gegeben hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie Mitarbeiterin des Boulevardblattes ist. Die Rechtsabteilung des Verlages teilt dem Presserat mit, dass sich die Redakteurin niemals als Mitarbeiterin der Obdachlosenzeitung ausgegeben habe. Die Darstellung des Beschwerdeführers sei reine Erfindung. Die Autorin habe sich nicht nur als Mitarbeiterin ihrer Zeitung vorgestellt, sondern auch die entsprechende Telefonnummer hinterlassen. Auch in dem Gespräch mit der in dem Beitrag beschriebenen Dame habe sie keinen Zweifel daran gelassen, dass sie als Journalistin für das Boulevardblatt arbeite. Konfrontiert mit der Stellungnahme des betroffenen Verlages, erklärt der Anwalt, die Behauptung der Redakteurin entspreche nicht den Tatsachen. Sowohl seiner Sekretärin als auch ihm und seiner Mandantin gegenüber habe sich die Autorin als Mitarbeiterin der Obdachlosenzeitung ausgegeben. Diese Tatsache könnten alle drei Genannten gegenüber jeder Institution – also auch als Zeugen gegenüber einem Gericht – bestätigen. (2000)

Da hier Aussage gegen Aussage steht, kann der Presserat nicht beurteilen, ob die Beschwerde begründet oder unbegründet ist. Damit ist die Angelegenheit für ihn nicht aufklärbar. (B 83/00)