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Krankheit

Eine Zeitschrift schlägt Alarm und erregt mit Schlagzeilen wie “Aktueller Umwelt-Skandal”, “Lebensgefährliche Erreger in Tauben-Kot !”, “Stadt-Tauben übertragen tödliche Lungen-pilze!” und “Besonders Kleinkinder sind gefährdet!” die Aufmerksamkeit ihrer Leserinnen und Leser. Berichtet wird über eine 25-jährige Frau, die an Kryptokokkose erkrankt ist. Ihre 3-jährige Tochter sei inzwischen an dieser lebensgefährlichen Krankheit gestorben. Die Infektion sei dadurch bewirkt worden, dass das Kind Tauben gefüttert habe. Mutter und Tochter sind abgebildet, mit Augenbalken anonymisiert. Im Text sind Zitate der Mutter und des behandelnden Arztes wiedergegeben. Ein Arbeitskreis wissenschaftlicher Tierschutz zweifelt die Authentizität des Artikels und der Fotos an. Seine Vertreterin ist der Auffassung, dass hier eine “Horror-Story” geschrieben wurde. Der Artikel schüre Ängste und rufe Aggressionen gegen Tiere hervor. Die Zeitschrift täusche medizinischen Sachverstand vor. Der Arbeitskreis fügt seiner Beschwerde eine Stellungnahme der DVG-FG Geflügel bei, in der auf Gesundheitsgefahren – auch auf Kryptokokkose – durch Taubenkot hingewiesen wird. Der Leiter eines Instituts für Geflügelkrankheiten hat dem Arbeitskreis bestätigt, dass ihm konkrete Fälle von Infektionen mit Ornithose und exogener Alveolitis bekannt seien. Das Bundesgesundheitsamt jedoch hatte 1989 in einer Stellungnahme verneint, dass die Gesundheitsgefahren durch Tauben höher sei als durch andere Liebhabertiere. Die Rechtsabteilung des Verlags erklärt, ihre Mandantschaft werde keine Stellungnahme abgeben. Zuvor hatte die Chefredaktion der Zeitschrift erklärt, eine Mitarbeiterin, die inzwischen nicht mehr für den Verlag arbeite, habe den Beitrag selbständig recherchiert und verfasst. Auf Nachfrage habe sie bestätigt, dass ihre Recherchen auf Tatsachen beruhen. (1996)

Der Presserat kann im vorliegenden Fall einen Verstoß gegen die Publizistischen Grundsätze nicht nachweisen, da er im nachhinein nicht mehr feststellen kann, ob es sich um einen Tatsachenbericht oder um eine erfundene Darstellung handelt. Die von der Beschwerdeführerin vorgelegten Unterlagen schließen nicht mit Sicherheit aus, dass es einen solchen Fall gegeben hat. Die Frage, inwieweit Gefahren durch Taubenkot für die Gesundheit von Menschen bestehen, ist wissenschaftlich umstritten. Der Presserat sieht sich außerstande, zu dieser Streitfrage Stellung zu nehmen. Er kann daher nicht davon ausgehen, dass die in dem Artikel genannten Gefahren durch Taubenkot unzutreffend sind. Verstöße gegen die Ziffern 2 und 14 des Pressekodex sind also nicht nachweisbar. Deshalb musste die Beschwerde als unaufklärbar zurückgewiesen werden. (B 90/97)

(Siehe auch “AIDS”, “Alternativmedizin” und “Tierschutz”)