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Selbsttötung

Zeitung nennt Krebserkrankung der Ehefrau als mögliches Motiv

„Polizeichef erhängt sich im Keller“ lautet die Schlagzeile einer Boulevardzeitung. Im Text werden Einzelheiten geschildert, Vermutungen angestellt. Vorname und Alter des Mannes, der Anfangsbuchstabe seines Nachnamens sowie die Dienststelle werden genannt. Auch der Vorname der Ehefrau wird erwähnt. Weiterhin enthält der Beitrag Angaben zum Lebenslauf des Mannes sowie ein Foto. Über die Ehefrau des Beamten wird berichtet, dass sie seit anderthalb Jahren an Unterleibskrebs leidet. Ihre Rechtsvertretung beanstandet in einer Beschwerde beim Deutschen Presserat, dass das Persönlichkeitsrecht der Ehefrau und des Toten durch die Berichterstattung verletzt worden ist. Die Rechtsabteilung des Verlages teilt mit, dass im Hinblick auf die Position des Verstorbenen bei der Polizei und die Umstände der Tat zweifelsfrei über die Geschehnisse berichtet werden durfte. Nach Informationen der Zeitung lag das Motiv für die Tat in der Verzweiflung über die Krankheit der Ehefrau. Gleichzeitig räumt die Vertretung der Zeitung ein, dass man auf die detaillierte Mitteilung der Krankheit hätte verzichten können. Andererseits sei auch nachvollziehbar, dass bei der Berichterstattung über den Selbstmord einer keineswegs unbedeutenden Person nach dem Motiv gesucht und bei Mitteilung eines solchen Motivs darauf eingegangen werde. Inzwischen habe sich die Zeitung freiwillig verpflichtet, weder den Verstorbenen erneut abzubilden noch etwas mitzuteilen über die Krankheit seiner Ehefrau. (2000)

Der Presserat stellt fest, dass durch die Vielzahl der Angaben zur Person der Polizeibeamte eindeutig identifizierbar wird. Damit wird das Persönlichkeitsrecht des Toten verletzt. Richtlinie 8.4 ( heute Richtlinie 8.5) gebietet besondere Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Selbsttötungen. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt. Der Leiter einer Polizeiinspektion ist keine Person der Zeitgeschichte. Ein öffentliches Interesse ist in diesem Fall also nicht begründbar. Des weiteren erkennt der Presserat einen Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht der Ehefrau des Mannes. In Richtlinie 8.3 ist festgehalten, dass körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden grundsätzlich in die Geheimsphäre des Betroffenen fallen. Unter Missachtung dieser presseethischen Regelung hat die Redaktion in dem Artikel jedoch erwähnt, dass die Ehefrau des Mannes seit anderthalb Jahren an Unterleibskrebs leidet. Durch diese Bekanntgabe ihrer Erkrankung wird rücksichtslos in die Intimsphäre der Frau eingegriffen. Der Presserat entschließt sich zu einer nicht-öffentlichen Rüge. (B 93/00)