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Ehemann beklagt ein Leben im Müll

Frau im Scheidungskrieg wurde identifizierbar dargestellt

Unter der Überschrift „Ich muss im Müll leben“ berichtet eine Boulevardzeitung über einen Scheidungsfall. Danach lebt ein Mann in seiner Wohnung inmitten von Müllbergen. Die Ehefrau verbiete ihm, etwas aus dem Haus zu entfernen. Sie wird mit den Worten zitiert: „Alles bleibt, wie es ist. Basta!“ Der Ehemann wird mit „Frank. R. (47)“ bezeichnet, die Frau als „Renate (45)“. Hier folgt der Zusatz „Name von der Redaktion geändert“. Zu dem Beitrag gehören vier Bilder. Als Aufmacherbild zeigt Frank R. im Innern des Hauses. Bildunterschrift: „Frank R. (47) muss in dem völlig zugemüllten Haus leben, weil seine Frau das Aufräumen verbietet.“ Bild 2 zeigt eine Außenansicht des Hauses. Bildtext: „In diesem Haus in … lebte das Ehepaar jahrelang glücklich zusammen.“ Bild 3 zeigt ein Bett. Text: „Auf diesem verdreckten Bett ist schlafen völlig unmöglich.“ Bild 4 zeigt die Ehefrau, deren Gesicht um die Augenpartie gepixelt ist. Bildunterschrift: „Renate (45) will, dass der Müll im Haus bleibt.“ Nach Ansicht des Sohnes des Eheepaares, enthält der Beitrag falsche Angaben. Die Ehefrau werde rufschädigend dargestellt. Sie habe Frank R. nicht gezwungen, in dem Haus zu leben. Er sei freiwillig dort eingezogen. Die Ehefrau habe das Gebäude in einem bewohnbaren Zustand zurückgelassen. Das Haus sei vom Ehemann in den heutigen Zustand gebracht worden. Der Beschwerdeführer kritisiert zudem, dass in dem Artikel von einer „Zwangsversteigerung“ des Hauses die Rede ist. Es handele sich jedoch nicht um eine Zwangsversteigerung, sondern um eine Teilungsversteigerung. Schließlich kritisiert er, dass sich die Ehefrau nie gegenüber der Zeitung geäußert habe. Ihr Zitat sei nur durch Hörensagen an die Redaktion weitergeben worden. Die Rechtsvertretung der Zeitung vermutet, dass der Sohn der im Scheidungsstreit lebenden Eheleute versuche, den Presserat in diesen Streit mit hineinzuziehen. Belege für die angeblich rufschädigende Berichterstattung fehlten, etwa der Beleg, dass Frau R. und die drei Kinder dem Mann Hilfe angeboten hätten, die er abgelehnt habe, dass er den Kindern Unterhaltsszahlungen verweigere, dass Post etc. entwendet worden sei, dass Strafanzeige gegen Frank R. gestellt worden sei. Dass das Haus von der Ehefrau und den Kindern vermüllt hinterlassen worden sei, ergebe sich nach Ansicht der Rechtsabteilung aus einem Schreiben von Frank R. an dessen Geschwister. Dem Autor des Beitrages sei dies von einer Bekannten des Ehepaares bestätigt worden. Ein Indiz dafür, dass Frau R. jegliche Beseitigung von Gegenständen untersagt habe, dokumentiere ein handschriftlicher Zettel, der der Redaktion vorliege. Der Autor habe bei der Frau angerufen, nachdem sich der Ehemann bei der Redaktion gemeldet habe. Frau R. im Gespräch mit der Redaktion: „Niemand hat das Recht, irgendwas aus dem Haus zu entfernen.“ Der Autor habe der Frau gesagt, dass er diese Aussage wiedergeben werde. Sie hätte keinen Einwand erhoben. Die Frau habe dem Autor gegenüber von einer „Zwangsversteigerung“ des Hauses gesprochen. (2009)

Der Beschwerdeausschuss stellt einen Verstoß gegen Ziffer 2 (Journalistische Sorgfaltspflicht) und 8 (Persönlichkeitsrechte) des Pressekodex fest. Er spricht eine nicht-öffentliche Rüge aus. Die Ehefrau ist durch verschiedene Angaben identifizierbar, so durch die Abbildung des Hauses, das Foto des Ehemannes sowie die Nennung verschiedener Angaben zu den Lebensumständen des Paares. Der Beitrag thematisiert den Streit über eine Ehescheidung, also eine sehr persönliche Angelegenheit. Es gibt kein öffentliches Interesse daran, über eine Frau in einem solchen Zusammenhang erkennbar zu berichten. Es handelt sich um einen Verstoß gegen Ziffer 8. Der Bildtext, wonach Frank R. in dem völlig zugemüllten Haus leben muss, weil seine Frau das Aufräumen verbietet, ist ohne ausreichenden Beleg veröffentlicht worden. Die dem Presserat vorgelegte handschriftliche Notiz der Ehefrau reicht nicht für die hier aufgestellte Behauptung aus. Belegt wird dadurch allenfalls die Behauptung, dass sich die Ehefrau dagegen wehrt, dass Gegenstände aus dem gemeinsamen Haus entfernt werden. Dass sie ihrem Mann das Aufräumen und die Müllbeseitigung verbietet, lässt sich daraus nicht schließen. (BK1-63/09)