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Satire

Fernsehzeitschrift macht sich über Johannes Heesters lustig

Eine Fernsehzeitschrift veröffentlicht das ”geheime Tagebuch von Johannes Heesters”. Zu sehen sind vier Fotos, die den Künstler mit verschiedenen Gesprächspartnern zeigt. Allen Personen sind Sprechblasen zugeordnet. Auf dem ersten Foto, aufgenommen im “Greissaal der Schwarzwaldklinik”, erhält Heesters auf die Frage “Werde ich jemals wieder singen können?” die Antwort “Aber Sie konnten doch gar nie singen!” Im Text dazu heißt es: “Als Hundertjähriger steht man total über den Dingen. Mich interessiert zum Beispiel kaum noch, wie ich mit Vornamen heiße oder wo ich gerade bin. Aber meine lieben Fans sind mir immer noch superwichtig. Um ihnen das zu zeigen, besuche ich sie alle regelmäßig auf dem Friedhof”. Auf dem zweiten Foto unter dem Titel “Zombiefest der Volksmusik” werden Heesters die Worte in den Mund geschoben: “Warum müffelt es hier so verwest? Bin ich etwa gestorben?” – “So riecht unser Publikum immer”, entgegnet darauf eine Kollegin. Auf dem dritten Bild machen sich die Texter über den großen Altersunterschied des Ehepaares Heesters lustig. Das vierte Bild zeigt den Schauspieler in der Notaufnahme beim Gerichtsmediziner. Auf die Frage, was es diesmal sei, antwortet dieser: “Reine Routine. Wir müssen nur eben Ihre Perücke frisch antackern.” Dazu merkt Heesters an: “Wie die Zeit vergeht! Mir kommt’s vor, als wäre der Erste Weltkrieg gestern gewesen. Oder war der vorgestern? Und wer hat eigentlich gewonnen? Muss ich unbedingt mal den Führer fragen. Halt! Das geht gar nicht! Ich hab seine Telefonnummer verlegt.” Ein Leser des Blattes beschwert sich beim Deutschen Presserat. Er sei kein Fan von Johannes Heesters, aber er finde den Beitrag absolut geschmacklos und menschenverachtend. Er verletze auf eklatante Weise die Würde des Menschen. Auch die Satire habe moralische Grenzen. Die Rechtsabteilung der Zeitschrift verweist darauf, dass auf der letzten Seite eines jeden Heftes ein fiktives geheimes Tagebuch eines Prominenten veröffentlicht werde. In satirischer Form würden die öffentlichen, also gerade nicht geheimen Auftritte eines Prominenten kommentiert und dabei die mit der jeweiligen Person assoziierten Eigenschaften unter Kontext ihrer Bekanntheit karikierend überzeichnet. Der 100. Geburtstag von Johannes Heesters habe ein großes Medienecho gefunden. In fast allen Veröffentlichungen werde einerseits der überwältigende Charme des Schauspielers beschrieben. Andererseits würden stets das geradezu biblische Alter sowie die rüstige Kondition des Jubilars hervorgehoben. In einigen Artikeln komme aber auch neben vielen Details aus seinem Privatleben zur Sprache, dass seine Karriere im Dritten Reich begonnen habe. In den Interviews und zahlreichen Artikeln präsentiere sich Heesters selbst mit einem geradezu spitzbübischen Charme, der ihn auch dann sympathisch erscheinen lasse, wenn er seine eigenen Verdienste ins rechte Licht zu rücken wisse. Eben diese Aspekte und Charakterzüge würden in dem kritisierten Beitrag karikiert. Dies sei weder gemein und abstoßend noch verletze es die Menschenwürde. (2004)

Die Beschwerdekammer 2 des Presserats spricht die Zeitschrift von dem Vorwurf frei, die Menschenwürde verletzt und gegen Ziffer 1 des Pressekodex verstoßen zu haben. Die kritisierte Darstellung überschreitet nicht die Grenzen der Satire, aber man kann sie für geschmacklos halten. Da die Auffassungen über guten und schlechten Geschmack aber unterschiedlich sind, hat der Presserat es sich zum Prinzip gemacht, Geschmacksfragen grundsätzlich nicht zu bewerten. Über die öffentliche Person Johannes Heesters kann auch in dieser satirischen Weise – trotz seines hohen Alters – berichtet werden. (BK2-24/04)